Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
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72 die Geschichte der Botanik auf jüdische Botaniker und schrieb eine Abhandlung über deren Anteil an den Fortschritten der Wissenschaft. Der Soziologe Michels stieß bei Erforschung der Soziologie des Parteilebens n) auf den jüdischen Politiker, was ihm Anlaß zu wertvollen Beobachtungen -über die Bedeutung, der Juden als Parteiführer bot. Die Verquickung mit Nichtjüdischem, in ~der fast alles Jüdische erscheint, erlaubt nicht die Isolierung jüdischen Stoffs. Ein großer Teil des äußerlich nichtjüdischen Tatbestands ist zum Teil jüdisch, aber auch ein großer Teil des äußerlich jüdischen Tatbestands ist nicht nur jüdisch. Auch diese Kehrseite des Verquickungsproblems hat die bisherige jüdische Geschichtsschreibung ungenügend beachtet. Die geistige und religiöse Entwicklung der Juden ist trotz ihrer jahrhundertelangen Absonderung stark bedingt durch die geistigen Bewegungen bei den Nichtjuden. Dies gilt nicht nur von der Kabbalah und Mystik, sondern auch von dem Zionismus und der Orthodoxie. Der Jude selbst ändert sich körperlich und geistig durch Einflüsse der Umwelt und seine Anschauungen mit ihm. Die Behauptung der Unverändertheit beider hat höchstens relative und subjektive Richtigkeit; der Jude empfand oft die Bewegung nicht als Bewegung, wenn das Objekt, an dem sein Auge haftete, die jüdische Idee, sich in gleicher Richtung wie er selbst bewegte. ■ Die Erforschung der Verquickung, des gegenseitigen Einflusses von Jüdischem und Mchtjüdis ehern ist eine wichtige Aufgabe, die die jüdische Geschichtswissenschaft noch zu leisten hat. Geschichte ist die Darstellung und Erklärung der wissenswerten menschlichen Geschehnisse. Die Verquickungstatsachen sind nicht mehr und nicht weniger als der der Judenfrage — der äußeren und der inneren — zugrunde liegende objektive Tatbestand12). Ein gut Teil der Judenfrage beruht auf der Unwissenheit der an ihr Beteiligten über diesen Tatbestand. Zwar wird die Wissenschaft die Judenfrage nicht lösen, aber nur durch Unwissenheit ist sie so verwickelt. Alles das bisher Ausgeführte betraf die Diasporageschichte, deren unzulängliche Behandlung eine methodologische Untersuchung über Aufgabe und Stoff erforderlich macht. Auf dem Gebiet der alten Geschichte ist die Archäologie, die Orientalistik, die Bibelkritik und die Geschichtsforschung auf dem richtigen Weg; auch hier ist das Wertvollste von nichtjüdischen Forschem geleistet worden. Die Anfechtbarkeit einzelner Ergebnisse kann dieses Urteil nicht erschüttern. Hier sei nur eins betont: Die Geschichte der palästinensischen Zeit, der sogen, staatlichen Selbständigkeit steht inhaltlich und formal in keinem grundsätzlichen Gegensatz zur neueren staatslosen Geschichte. Auch dort ein Wandern und Sichwandeln des ldeinen Volks inmitten großer fremder n) Bd. XXI der Philos.-soziol. Bücherei. 12) Diese politische Bedeutung der jüdischen Geschichte Ist ausführlicher als hier möglich, dargestellt bei Feucht wanger, „Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem", Berlin 1916.