Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 71 (sequence 3)
- Language
- German
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71 stießen sie auf den Juden als mitwirkenden Faktor, suchten aber vergeblich Aufschluß bei der bändereichen jüdischen Geschichtsschreibung über Art und Größe des jüdischen Anteils. Voran steht das w i r t s c h a f 11 i c h e Wirken. G r a e t z gibt von Wirtschaftsgeschichte fast nichts. Caro stellt sich als erste Aufgabe, zu erforschen, „auf welche Weise die Mitglieder der mosaischen Religionsgemeinschaft ihren Lebensunterhalt erwarben14 8). * So ist seine Wirtschaftsgeschichte im wesentlichen Leidensgeschichte, Darstellung der rechtlichen und tatsächlichen Beschränkungen der Juden in ihrem Leben und Treiben, In zweiter Linie interessiert ihn freilich auch der Anteil der Juden an der Volkswirtschaft der Wirtsvölker, aber ausdrücklich nur soweit sie in ihrer Gesamtheit einen wesentlichen Bestandteil im Organismus der Volkswirtschaft ausmachten, eine wirtschaftliche Sonderklasse bildeten 4); selbst hier aber macht er die Einschränkung, daß diese Darstellung zunächst Aufgabe der Wirtschaftsgeschichte der betreffenden Völker sei. Sombart aber wollte den Kapitalismus erforschen und stieß — auf den Juden. Bei der jüdischen Geschichtsschreibung suchte er vergeblich Aufschluß; so mußte er selbst die jüdischen Stoffelemente im europäischen Wirtschaftsleben ergründen, fand dabei Jüdisches im Kapitalismus und Kapitalistisches im Jüdischen und förderte so zugleich die Wissenschaft vom Kapitalismus wie die vom Jüdischen, Methodologisch (in Problemstellung .und heuristisch) ist Sombarts Buch5) vorbildlich für die Erforschung auch der anderen Teile des geistigen und materiellen Lebens, mögen auch seine sachlichen Ergebnisse im einzelnen anfechtbar sein °). Steinschneider, Kayserling, P h ilippson u. a. beschäftigten sich mit den Leistungen der Juden im geistigen Leben Europas. Philippsons „Die Juden im Leben der Völker'4 7) ist Statistik, historischer Rohstoff, Steinschneiders „Die Juden in der Mathematik"8) eine herbariumartige Zusammenstellung der in mehr als 1000 Jahren mathematisch tätig gewesenen Juden, keine Darstellung des Anteils der Juden an der Entwicklung der Wissenschaft und gar völliges Schweigen über das 19. Jahrhundert, die Zeit der mathematischen Großtaten der Juden — schlagender Beweis für das absolute Verkennen der eigentlichen Aufgabe. Ähnlich gibt Kayserling0) die Namen jüdischer Ärzte statt ihren Anteils an den Fortschritten der M.edizin. Einige Gegenbilder: Der Naturforscher Schleiden10) stieß bei Studien über 8) Vgl. Caro, a. a. 0., S. 12. 4) a. a. 0., S. 13 ff. Das Wirken der Juden, z. B. im holländischen Wirtschaftsleben, gehört daher nach ihm nicht in die jüdische Wirtschaftslehre! Vgl. dagegen Sombart, „Die Juden und das Wirtschaftsleben", S, 30 ff, 54. s) „Die Juden und das Wirtschaftsleben". Leipzig 1911. e) Vgl. Brentanos scharfe Kritik in „Anfänge des modernen Kapitalismus", Teil in. 7) „Neueste Geschichte der Juden", II. 8) Bibliotheca Mathematica, Jahrgang 1893—99, 1901; Abhandlungen zur Geschichte der Math., Jahrgang 1899, Monatsschrift f, Gesch. usw., 11)05—07. 9) Monatsschrift f. Gesch. usw., 1859, 1808. 10) Zitiert bei Dubnow, a. a. 0., S. 18.