Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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70 dern bedeutet positiv: Zerstreuung, Vermischung. Die Wirklichkeit der Dinge ist fast durchgängig Verquickung des jüdischen Geschehens mit dem nichtjüdischen (selbst das Ghetto ist nur eine Erscheinungsform der Verquickung). Für Erfassung dieses Verquickungstatbestandes sind freilich die Netze zu grobmaschig, die die Historiker der anderen Völker benutzen, wenn sie den Stoff für ihre Darstellung aus dem Meer der Tatsachen holen. Bei dem größten Teil des historischen Rohstolfes steht ohne weiteres fest, welchem Volk er zugehört. Grenz- und Mischstoffe sind Ausnahmen, man einigt sich unschwer über ihre Zugehörigkeit. Mit ebensolchen Netzen aber wird der jüdische Historiker nur'die äußerlich als jüdisch gekennzeichneten Tatsachen erfassen, das sind außer den religiös-literarischen Erzeugnissen die jüdischen Leiden. So wird die Geschichteder Juden außer Literaturgeschichte Darstellung jüdischer Passivität, drückender Rechtsvorschriften, grobschlächtiger Tatsachen, wie Absperrungen, Vertreibungen, Verbrennungen, Vergewaltigungen — lauter wuchtiger, sinnfälliger, zumeist in Urkunden ausdrücklich festgestellter Tatsachen. Alle die nur feineren Methoden zugänglichen Tatbestände, und das sind gerade die, in denen Jüdisches untrennbar verquickt ist mit Nichtjüdißchem und an der Oberfläche gar nicht mehr als jüdisch gekennzeichnet ist, gleiten dabei durch die Maschen. In solch unlösbarer Verquickung aber befindet sich vor allem das, was an der jüdischen Geschichte aktiv ist, nämlich das Wirken der Juden im Leben der Völker. Es sind hier* besonders die einzelnen Juden, die als Händler, Handwerker, Finanzleute, Gelehrte, Politiker, Ärzte, Schriftsteller usw. im Leben der Wirtsvölker wirkten und dieses Leben vermöge ihrer Eigenart nachhaltig beeinflußten, so daß die jüdischen Individuen sowie ihre Privat- und Alltags.verrichtungen vermöge ihrer spezifischen Wirkung geschichtlicher Erkenntnisstoff in ganz anderem Maße sind, als die nichtjüdischen Individuen nebst ihren entsprechenden Verrichtungen2). Das Jüdische wirkt oft noch fort, verobjektiviert in geistigen und materiellen Lebensäußerungen und Einrichtungen der übrigen Völker, ganz abgesehen von den zahllosen Fällen unmittelbaren Eindringens jüdischer Art infolge leiblicher Vermischung (Taufe und Mischehe). Als bloße Tatsache ist dies alles bekannt, nicht aber erforscht, weil als historisch bedeutsam noch nicht genügend erkannt. Dieser Mangel der jüdischen Geschichte ist freilich auch einer der Geschichte aller Kulturvölker, soweit ihr Leben von jüdischen Elementen beeinflußt ist. Aber mit einem Zuständigkeitsstreit wird das Problem nicht gelöst, sondern verschleiert. Die jüdische Geschichtsschreibung, die ex professo und im Zusammenhang das jüdische Geschehen darzustellen hat, das jüdische Wirken und nicht nur das jüdische Leiden, kann sich der Darstellung dieser wichtigsten Form des jüdischen Wirkens in vielen Jahrhunderten nicht entziehen. Erst nichtjüdische Gelehrte haben diese Lücke der jüdischen Geschichte aufzeigen müssen. Bei Erforschung ihrer Wissensgebiete v 2) Vgl. Bernstein, „Lehrbuch der historischen Methode und GescMchtsphilosophie", S. 5 ff.