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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 69

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
Date
1917-11-10
Page
Seite 69 (sequence 1)
Language
German
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69 Jüdische Geschichte und jüdische Gesdiidüsschreibung Eane methodologische Studie Von Dr. oec. publ. Sigbert Feuchtwanger, München > I. &fie Menschheitsgeschichte ist darstellbar nur als Völkergeschichte. m Die geschichtliche Entwicklung wird aufgezeigt je an Gruppen ^^^Mb von Menschen, die unter sich durch gemeinsame äußere und innere Lebensbedingungen (Staat, Land, Klima, Wirtschaft, Sprache, Sitte usw.) verbunden sind. Die Juden leben seit 2000 Jahren ohne Staat, ohne Land, zerstreut unter den übrigen Völkern, deren Daseinsbedingungen teilend. Gibt es daher für die Zeit seit 2000 Jahren eine besondere jüdische Geschichte? Wer die Frage im Namen der Wissenschaft verneint, macht sich einer petitio prineipii schuldig. Geschieht die Verneinung im Namen des Christentums, so ist sie im Kleid objektiver Feststellung das subjektive Urteil: „Der vom Christentum legitim beerbte jüdische Erblasser muß doch tot sein . . Aber er lebt! Die Juden sind trotz des Mangels fast aller der objektiven Merkmale, die das Dasein eines Volkes absolut neben das anderer Völker hinstellen, ein lebendiges Volk, relativ und subjektiv, im eigenen Bewußtsein und im Bewußtsein der anderen. Und was diesem Volke geschehen ist und geschieht, ist eben seine Geschichte. Freilich ist der geschichtliche Stoff bei einem land- und staatlosen Volke ein anderer als bei anderen Völkern. Der Unterschied scheint ein rein negativ-quantitativer zu sein. Die jüdische Geschichte der letzten 2000 Jahre ist keine Landes-, keine Staats-, keine politische Geschichte. Was übrig bleibt, sind erstens aktive Geschehnisse: die geistig-religiösen Leistungen, zweitens passive: die den Juden seitens der Wirtsvölker widerfahrene Behandlung. In der Tat entspricht dieser Stoffbestimmung der Inhalt der bisherigen jüdischen Geschichtsschreibung: sie ist Liter aturge s chi cht e und Leidensgeschichte1). Erhält man aber so ein erschöpfendes Bild des jüdischen Geschehens? Nein. Diese Methode faßt den Unterschied der jüdischen Geschichte von der anderer Völker rein äußerlich quantitativ auf. Der wirkliche Unterschied aber greift viel tiefer, er betrifft die Art des Geschehens, die Erscheinungsform des beiderseitigen Tatbestandes. Land- und Staatlosigkeit ist nicht nur etwas Negatives, dem durch Nichtdarstcllcn einer jüdischen Politik methodologisch Genüge getan wäre, son- 5) Auch nach der ausdrücklichen Definition aller jüdischen Geschichtsschreiber ron J o 31 und Z u n z über Graetz zu Caro und Dubnow. Vgl, z. B. Z. Frankl in „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft; des Judentums" 1851/52, S. 3 ff.; Graetz, Geschichte usw. Bd. IV, Ein! S. 1 ff., Bd. XI, S. 956; Steinschneider, „Die Geschichtsliteratur dor -Juden", S. VI ff., Caro, „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der "Juden", S. 8; Dubnow, „Die jüdische Geschichte. Ein geschichtsphilosophischor Versuch", S. 9 ff.

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