Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Graetz und das Ostjudentum
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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67 ling Isachar Falkensohn Behr und Abba G1 o s k, der nicht verdient hat, von Chamisso besungen zu werden —, solche abenteuerlichen Gestalten drängten sich an Mendelssohn und brachten ihn in üblen Geruch. Die meisten derselben hatten nicht bloß mit dem Talmud, sondern mit Religion und Moral überhaupt gebrochen, führten ein wüstes Loben und hielten solches eben für Philosophie und Aufklärung. Aus Liebe zu den Menschen und dem selbständigen Denken ließ sich Mendelssohn mit ihnen ein, disputierte mit ihnen, beförderte und unterstützte sie. Dieser Umgang warf ebenfalls ein falsches Licht auf sein Verhalten zum Judentum. Ihr Leichtsinn und ihre Ausschreitungen wurden ihm zur Last gelegt, sie galten als seine Schützlingo und Jünger".10) Die ganze unsanfte, beinahe lieblos klingende Art, mit welcher Graetz den Ostjuden gegenübortritt, erscheint uns um so merkwürdiger, als seine jüdische Weltanschauung sich keineswegs in den üblichen Geleisen der deutschen Judenheifc bewegte. Tiefer und weiter als die Partcischablono hat er das Judentum erkannt. Es war ihm mehr als eine Religion, beinahe „ein Minimum an Religion", wie Renan meint, kein Credo quia absurdum, keine Kirche mit Dogmen. Er verurteilte ebenso die seichte Aufklärung, wie die bewegungslose, das Entwicklungsprinzip negierende Orthodoxie, und glaubte fest an die Stammeswesenheit, an den nationalen Kern der jüdischen Geschichte. Mit einem Worte, er war Nationaljude, wenngleich er, wie dies besonders deutlich in seiner Polemik mit Treitschke hervortrat, seine gleichzeitige Zugehörigkeit zur deutschen Nation scharf und deutlich unterstrich. Die nationale Grundlage des Judentums War für Graetz nicht allein ein historisches Moment, sondern eino Tatsache des realen Lebens, an der er konsequent festhielt. Wie ein kostbares Geheimnis, das er nur im vertrauten Freundeskreise zu enthüllen wagte, hegte er den unver^ brüchlichen Glauben an die Ycrjüngungsfähigkeit des jüdischen Stammes, dem er nicht nur eine religiöse Rolle, sondern eine politische Zukunft zusprach. Er hoffte, daß es mit Frankreichs, vielleicht mit Amerikas Hilfe gelingen werde, eine nationale Regeneration auf dem geheiligten Boden Palästinas zu erreichen. Dieser Glaube bestimmte ihn hauptsächlich, das Land der Väter mit eigenen Augen zu schauen, und für eine Verbesserung der Zustände unter den Juden Palästinas, besonders für die Erziehung der Waisenkinder, seine Kraft einzusetzen 17). Allerdings war Graetzens nationales Bekenntnis nicht ohne Einschränkung, und er fühlte sich außerstande, dem Fluge der nationalen Idee in Rußland, die damals im Aufsteigen begriffen war, zu folgen. So sehr er auch von dem Gedanken einer jüdischen Solidarität durchdrungen schien und im Gegensatze zu vielen anderen Aussprüchen seiner Daselbst S. 30/31. 17) Näheres in meinem Buche, besonders im vierten Kapitel und den Beilagen II—V; vgl. ferner „Die Verjüngung des jüdischen Stammes" in Wertheimers „Jahrbuch für Israeliten'1 1SG3/C4; „Tho Signiflcanco of Judaismi" „Jewish Quartcrly Review'4 1889/90; „Die Konstruktion der jüdischen Gemeinde" in Frankels „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums" 1846; „Briefwechsel einer englischen Dame über Judentum und Semitismus" 1883 (eine sehr interessante anonyme Schrift von Graetz); Einleitungen zum V. und VII. Band der Geschichte.