Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Graetz und das Ostjudentum
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
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66 naschen Emigranten, die von Chmielnickis Banden Gehetzten, ein neues Mittelalter über die europäische Judenheit, das sieh über ein Jahrhundert in Vollkraft erhalten hat und zum Teil noch in unserer Zeit fortdauert"12). Doch nicht genug damit! Der schädigende Einfluß der jüdischen Flüchtlinge griff noch weiter um sich. „Aber jeder polnische Auswanderer war Rabbiner oder Prediger, gab sich dafür aus und wurde dafür gehalten. Von diesen schändeten manche das Rabbineramt, zu dem sie keinerlei Beruf und keinen sittlichen Halt hatten. Diese waren es, welche aus Not und Gewohnheit den Reichen speichelleckten. Von ihnen stammt die immer mehr zunehmende Verwilderung unter den Juden. Ihrer Erziehung, oder vielmehr ihrer Verwahrlosung wurde die jüdische Jugend anvertraut, die, sobald sie nur sprechen konnte, von ihnen in den Talmud eingeführt wurde, und zwar nach der kniffigen, witzelnden Methode. Durch diese Verkehrtheit artete die Sprache der deutschen Juden wie der polnischen in ein widriges Lallen und Stammeln, und ihr Denken in eine verdrohende, aller Logik spottende Rechthaberei und Disputierlust aus. Auch ihnen ging der Sinn für das Einfache und Wahre verloren, und selbst die portugiesischen Juden, welche sich von dem häßlichen Mauscheln fernhielten, blieben von dem verkehrten Denken, welches die Zeit beherrschte, nicht unangestecktu.in) Diese Äußerungen, für welche sich noch zahlreiche Belegstellen anführen ließen, darf man, um gerecht m urteilen, nicht als absichtliche Verunglimpfungen ansehen, sondern lediglich als Verkennung der Tatsachen. Denn Graetz ist sichtlich bemüht, den Ton eines Salomon Maimon, aus dem der Haß des enttäuschten Sclbsterlebnisses nur zu deutlich spricht, zu vermeiden und verurteilt dessen gewollte Entstellungen auf das entschiedenste. Er stellt ihm Heines Schilderung der polnisch-jüdischen Zustände gegenüber, der „tief in den Grund der Dinge und Verhältnisse sah" 14). Und stellenweise schwingt sich auch Graetz zu einem intimeren Verständnis der Juden im Osten auf, so besonders, wenn er ihren Widerstand gegen die Reformeinflüsse schildert. „Sie und ihre Gesinnungsgenossen, welche das Lesen eines deutschen Buches für eine schwere Sünde hielten, waren eigentlich in ihrem Rechte, sich der Neuerung zu widersetzen. Sie sahen voraus, daß die jüdische Jugend aus der Mendelssohnschen Übersetzung vielmehr die deutsche Sprache als das Verständnis der Thora lernen werde, daß jene immer mehr zur Hauptsache werden, die Beschäftigung mit der heiligen Schrift dagegen zur bedeutungslosen Nebensache herabsinken und das Talmudstudium vollends verdrängt werden würde".15) Aber gleich fühlt er sich wieder verpflichtet, sein gerechtes Urteil über die Traditionstreue durch scharfe Zurückweisung der freieren Elemente auszugleichen, die sich an Mendelssohns Rockschöße hängten und, seiner unwürdig, der Sache großen Schaden zufügten. „Wissensdurstige junge Polen mit guten Köpfen, aber wirren Gedanken, reine und unreine Elemente — wie Abraham Wolf Rechenmeister, der ein Muster von Genügsamkeit und Opferfreudigkeit war, der Dichtcr- ") Band X S. 74/75. 13> Daselbst S. 297. ") Band XI S. 142 ff. und 887/88. lß) Band XI S. 45.