Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Graetz und das Ostjudentum
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 religiösen Strömungen mit ihren verschiedenartigen Ausläufern im Osten, aber auch das Verhältnis der Ostjudenheit zu dem weltlichen Wissen boten den herkömmlichen Anschauungen eiftes tief im westjüdischen Milieu wurzelnden Geistes zuviel Schwierigkeiten, um ihnen auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Welch' bezeichnende Fülle von Unverständnis und Unkenntnis des Sachverhaltes offenbaren nicht dio nachstehenden Worte, die Graetz in einem Briefe an Dr. Skomorowsky in Kiew schrieb: „Tch habe die jüdisch-russischen Kulturbestrebungen in meiner großen 'Geschichte.nicht erwähnt, weil ich die Geschichte nur bis 1848 herabgeführt habe und bis dahin war von diesen Bestrebungen wenig bekannt Lewinsobns Schriften waren mir wohl bekannt, aber Schriftstellerei, wenn sie nicht auf größere Krciso anregend wirkt, ist noch kein historisches Moment. Krochmal, Bappaport und Isaak Erter haben befruchtend gewirkt; darum habe ich sie in das geschichtliche Gewerbe hineingezogen" 10). Die russische Aufklärungsbewegung, selbst die unter dem Einfluß Mendelssohns stehende, hatte ein so ganz anderes Gepräge als die „Reform*1 des Westens, und weil sie sich jenseits dieses Geleises bewegte, erschien sie dem Geschichtsschreiber als „kein historisches M.oment". Daß auch von ihr weitere Schichten der Intelligenz erfaüt wurden, ist unbestritten, und gegenteilige Unterstellung dürfte jedenfalls nicht Grund genug sein, um einer solchen Strömung mit billig abweisender Geste zu begegnen. Ganz und gar verfehlt fallen.Graetzens Urteile aus, wenn er sich zum Sittenrichter über die polnischen Juden und ihre Art aufspielt. So sieht er z. B. in den Chassidim fast nichts als ein „Vcrdirmmungssystom"n) und würdigt höchstens einige Vertreter der rabbinischen Richtung. In maßlosen Übertreibungen und mit dem parteiischen Blick*4 des deutsch-nationalen Juden wrettert er gegen die Verderbnis und Verwilderung unter den polnischen Juden. Seit der durch die Kosakenaufstände hervorgerufenen Zerstreuung sind sie an aller Rückständigkeit der Juden in ganz Europa schuld. „Diese polnischen Talmudisten waren wegen ihrer Überlegenheit in ihrem Fache ebenso stolz, wie ehemals die spanisch-portugiesischen Flüchtlinge und sahen mit Verachtung auf die Rabbinen deutscher, portugiesischer und italienischer Zunge herab. Weit entfernt, in der Fremde ihre Eigenart aufzugeben, verlangten sie vielmehr, daß alle Welt sieh nach ihnen Tichte, und setzten es auch durch. Man spottete über die „Polacken", ordnete sich ihnen nichts destoweniger unter. Wer sich gründliches talmudisches und rabbinisches Wissen aneignen wollte, mußte sich zu den Füßen polnischer Rabbiner setzen; jeder Familienvater, der seine Kinder für den Talmud 'erziehen lassen wollte, suchte für sie einen polnischen Rabbi. Diese polnischen Rabbiner zwangen allmählich den deutschen und zum Teil auch den portugiesischen und italienischen Gemeinden ihre klügelnde Frömmigkeit und ihr Wesen auf. Durch sie sanken wissenschaftliche Kenntnisse und auch dio Bibelkunde noch mehr als dahin. Gerade im Jahrhunderte Descartes und Spinozas, als die drei zivilisierten Völker, Franzosen, Engländer, Holländer dem Mittelalter den Todesstoß versetzten, brachten die jüdisch-pol- J0) Hamao-id 1888 Nr. 5. u) Band XI S. 12a