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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 64

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Graetz und das Ostjudentum
Date
1917-11-10
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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64 hat Graetz die geistige Entwickelung des polnischen Judentums, vor allem der rabhinischen Lehre, darzustellen gewußt. Einmal, weil er selbst auf diesem Gebiete fachmännischer vorgebildet war, sodann weil er diese Richtung im Sinne des Hegelsclien.„vernünftigen Prinzips4' als die einzig berechtigte in der jüdischen Geschichte ansah. Die Schilderungen der Wirksamkeit von Salomen Schachna, Salomon Lurja, Moses Isseries und anderen Geistesgrößen der Ostjudenheit gehören zu den trefflichsten Parteien in Graetz' Geschichte überhaupt. So kam es auch, daß er alle mystischen Bewegungen im Judentum, insonderheit den ßhissidismus, schief und völlig unpsychologisch geschildert hat, denn sie waren ihm nichts ' als „unberechtigte11 Abirrungen von der geraden Straße des Rabbinismus. Auch Jakob Frank und der von ihm ausgehenden Strömung brachte Graetz, so meisterhaft viele Teile seiner über dieses Thema handelnden Spczialsehrift ausgefallen sind, kaum tieferes Verständnis entgegen8). Alle diese Mängel gehen indes nicht allein auf Unkenntnis des geschichtlichen Quellenmaterials, sondern zum Teil auch auf ungenügende Vertrautheit mit dem Wesen der Ostjudenheit zurück. Wohl war Graetz, wie erwähnt, in einer Umgebung aufgewachsen, deren geistige Physiognomie den Verhältnissen unter den Ostjuden nicht unähnlich war, wohl hatte er einen Cheder besucht, den Talmud bei erfahrenen Autoritäten studiert, auch die unter den Ostjuden herrschende Lehrweise sich zu eigen gemacht, aber er trennte sich früh von dieser Atmosphäre, die aus mannigfachen Gründen in ihm nicht die glücklichsten Erinnerungen zurückließ, und andere Einflüsse der großen Welt außerhalb des Ghettos wirkten mächtiger auf ihn ein. Nur ein einziges Mal in seinem Leben trat er mit Ostjuden in innigeren unmittelbaren Kontakt, nämlich auf seiner Reise nach Galizien, die er zur Propaganda für die Idee der Erziehung palästinensischer Waisen im heiligen Lande nach seiner Palästinareise (1872) unternahm. Für die Propaganda tat er damals nicht allzuviel, desto mehr fesselten ihn die Zustände des Landes und seiner jüdischen Bewohner. Am längsten verweilte er als Gast bei Salomon Buber in Lemberg und lange konnte er die tiefen Eindrücke nicht vergessen, welche die geistige Regsamkeit der galizischen Juden, vor allem ihr Witz, auf ihn ausgeübt hatten °). Und doch, sein Gesamturteil über das Osfcjudentum,. dessen Geschichte und Strebungen behielt einen Stich. Diese eigentümlichen Menschen mit ihren eigenartigen Regungen, mit ihrer historischen Individualität paßten ganz und gar nicht in den allgemeinen Rahmen, der um das Judentum der WestÜlndcr sich so überaus bequem schließen ließ. Gewiß auchjiicr konnte man die Linie „vom Ghetto zur Kultur'1 verfolgen, aber sie hatte doch eine andere Richtung genommen, gewiß auch im Westen gab es „Finsternis14 und im Osten eine „Aufklärung", aber die Nuancen schienen doch anders. Die unvergleichliche Färbung der Buch „Heinrich Graetz. Eine Würdigimg des Historikers und Juden zu seinem 100. Geburtstage 31. Oktober 1917 (21. Cheschwan)". *) „Frank und die Frankistcn", Breslau 18G8, vgl. auch Bd. X, S. 378 ff. 9) Näheres darüber in meinem Buche über Graetz.

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