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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 63

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Graetz und das Ostjudentum
Date
1917-11-10
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 in der Periode des Niedergangs während der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert3), und ganz episodenhaft einzelne Züge aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts, der Zeit des Großherzogtums Warschau, dem Anteil der Juden an den polnischen Freiheitsbestrebungen bis zum Novcmberaufstand 1830 4). Schon hier fällt die einseitig moralisierende, den Mangel an Vertrautheit mit dem Material und dem Seelenleben der Juden deutlich verratende Tendenz auf. So — um nur wenige Beispiele zu nennen — schiebt- Gractz die Schuld an den Kosakenüberfällcn fast ausschließlich auf die Juden selbst, indem er in maßlos übertriebener Weise einzelne Fälle von Übergriffen jüdischer Pächter verallgemeinert5), oder bei der Schilderung des-polnischen Adelsaufstandes 1830/31, an dem die Juden, wie die bürgerliche Bevölkerung naturgemäß nur geringen Anteil hatten, „von dem Hochgefühl der jüdischen Polen, entsprungen aus der Teilnahme an heißem Kampfe für die Freiheit und genährt von christlichen Kampfgenossen, welche das herbe Wehe der Vaterlandslosigkeit tief empfanden", in geradezu dithyrambischen Phrasen schwelgt0). Allerdings muß festgestellt werden, daß Graetz nur die Grundzüge der Entwicklung der Ostjudcnheit darzustellen brauchte, da sie doch nur ein Bestandteil der Gesamtgeschichte der Juden bilden sollten, aber auch diese Partien hätten schon bei dem damals vorliegenden Quellenmaterial auch ohne die Forschungen der jüngsten Zeit und bei gcMüigender Beherrschung der einschlägigen Sprachen gründlicher und ausführlicher behandelt werden können. Was wir von den polnischen Juden erfahren, ist, um das Urteil Abraham Geigers auf diesen Fall anzuwenden, weniger Geschichte als einzelne Geschichten. Über die litauischen und die russischen Juden, die doch auch sozusagen ihre besondere Geschichte haben, weiß Graetz noch weniger, fast nichts. Glücklicher als in der Darstellung des äußeren Rahmens war Graetzens Hand hinsichtlich der inneren Geschichte. Er hat die eigentümliche Gemeindeverfassung und Organisation der polnischen Judenheit vielfach zutreffend dargestellt, und seine Erläuterungen und Hypothesen (z. B. über die sogenannte „Vierländersynode") sind, ohne immer im einzelnen zutreffend zu sein, doch brauchbare Ausgangspunkte für alle späteren Darstellungen und ForschungenT). Am zutreffendsten ::) Daselbst und Band XI, passim. *) Daselbst. . 5) „Geschichte der Juden", Band X S. 59 vgl. die Korrektur in der hebräischen Übersetzungzu diesem Kapitel und den Aufsatz von Galant in „Jewrciskaja Starina'4 1909 I. S. 81 ff. °) „Geschichte der Juden'4, Band XI S. 470. 7) Graetz war sich dieser Lückenhaftigkeit deutlich bemißt und hat z. B. seine Ausführungen über den „Waad arba arazoth" nur als „Skizze" bezeichnet, welche durch weitere Forschungen ergänzt werden sollte. (Siehe Band IX, Note X, am Schlüsse.) Auch sonst hat Graetz im Gefühle der Unvollständigkeit seiner Darstellung öfter dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß ihm das Material für die Geschichte der polnischen und russischen Juden von' berufener. Hand zusammengestellt werde, das er dann pragmatisch ordnen wollte. Näheres in meinem bei Louis Lamm (Berlin) soeben erschienenen

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