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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 62

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Graetz und das Ostjudentum
Date
1917-11-10
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 ist, die Kluft zwischen Ost- und Westjuden, welche, durch geschichtliche Ursachen . erzeugt, in der Verschiedenheit des Entwicklungsganges, unter den Einflüssen der Umgebung gegründet, durch die Wirkungen der bürgerlichen Emanzipation und Aufklärung im Westen einerseits, durch die allen Hindernissen trotzende, kraftvollere Wahrung der jüdischen Individualität im Osten andererseits erweitert, erst in den alierjüngsten Zeiten überbrückt zu werden beginnt. Denn erst dank der Entfaltung der nationalen Idee werden zwischen Ost und West wieder jene Fäden gesponnen, die eine ungetrübte, über den brüchig gewordenen religiösen Rahmen hinausreichende Solidarität zu schaffen imstande sind. Wenngleich in konservativ gesinnten und strenggläubigen Kreisen der westeuropäischen Judenheit die Einheit des Judentums über alle Landesgrenzen hinaus' betont, zumindest niemals geleugnet worden ist. so war auch hier stets das Gefühl dünkelhafter Überhebung gegenüber den als kulturell minderwertig und sozial rückständig gehaltenen Ostjuden vorherrschend. Wohl wußte man ihre geistige Regsamkeit und ihr Verdienst um die Erhaltung und Fortentwickelung des Studiums der jüdischen Religionsquellen gebührend einzuschätzen, aber über diese Anerkennung hinaus versagte fast jegliches Verständnis für die eigenartige Welt der. russisch-polnischen Judenheit. Man hätte nun füglich erwarten dürfen, daß ein M.ann wie Ii c i n - rieh Graetz mit seinem historisch geschärften Blicke solcher Formeln und Schablonen entraten könnte und dem konventionellen Urteile, das in jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen über die „Hosen verkaufenden Jünglinge", die „Schnorrer und Verschwörer44 aus der „unerschöpflichen polnischen Wiege44 gang und gebe war, eine gerechtere, von moralisierender Tendenz freie Wertung entgegensetzen würde. Und doch hat auch Graetz sich von dieser Befangenheit nicht freigemacht, und in das Horn der landläufigen Phraseologie gestoßen, ja durch das Gewicht seiner Autorität ihr noch festeren Halt und Stütze verliehen. Und dies ist umso merkwürdiger, als er nicht nur selbst einem Milieu entstammte, das in vielen Hinsichten dem polnischjüdischen noch ähnelte, sondern auch von dem nationalen Charakter der jüdischen Geschichte und der Judenheit tief durchdrungen war. Freilich Graetzens Kenntnis des Ostjudentums haftete sehr an der Oberfläche. Die groben Konturen, mit denen er uns ein kärgliches Bild der Geschichte der polnischen und russischen Judenheit gezeichnet hat, stechen besonders in die Augen, und gerade dieser Teil seiner Gesamtgeschichte gehört zu den am meisten vernachlässigten. Kaum, daö wir auch nur annähernd einen Überblick über den äußeren Rahmen dieser Geschichte gewinnen. Wir erfahren einiges von der Rechtsstellung der Juden unter den Piasten und letzten Jagiellonen, doch kaum mehr, als schon Czacki und Sternberg sie behandelt hatten von der Zeit der Wahlkönige2), von den Chmielnickischen Judenverfolgungen, für die Graetz allerdings schon besser das reichhaltige hebräische Quellenmaterial auszunutzen wußte 2), von den Kämpfen und Zuckungen *) „Geschichte der Juden44, Band IX, passira. s) „Geschichte der Juden44, Band X, passim.

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