Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Geschick in der äußeren Form das Wissenschaftliche zugrunde zu legen, ohne die Darstellung zu überladen, verstand mit vielem Geschmack seine Forschungen in moderne Worte zu kleiden, und sein feuriges Temperament, sein gerader, unbeugsamer, freiheitlicher Sini*> sein vornehmer Stolz durchlohten die Darstellung, gössen den Menschen Feuer, den Dingen Glut ein und rissen "wie den Darsteller so den Leser mit unwiderstehlicher Gewalt in die Materie hinein. So ist das Graetzsche Werk der hehre Tempel der jüdischen Wissenschaft geworden, an dem ernste Forschung und bienenfleißige Kleinarbeit manchen Schaden ausbessern, manche Lücke ausfüllen, manchen Aufputz abtragen und manches Schiefe gerade richten wird. Auch dem Laien bietet dieses Werk einen unendlichen Genuß. Ein zwölfbändiges jüdisches Werk, das immer wieder aufgelegt werden konnte, das ins Französische, Englische, Russische, Jiddische und Hebriiisehe übersetzt wurde, von dem außerdem noch eine volkstümliche Ausgabe zweifach ausgegeben ward, hat seinen begeisterten Leserkreis wohl nicht ohne Grund gefunden. In zahlreichen Eituelabhandlungen, besonders in der von F r a n k e 1 begründeten, .von Graetz fortgeführten und jetzt unter seinem Nachfolger Brann herausgegebenen „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" baute der Meister sein Gesamtwerk vor und aus. Daneben pflegte er noch besonders das Gebiet der Bibelexegese, deren historische und kritische Ergebnisse er in seinen Kommentaren zum Hohen Lied, Kohelet und den Psalmen und in einem die ganze Bibel umfassenden Werke zusammenstellte. Letzteres sollte eine Übersicht über die gesamte biblische Textkritik bieten, die er selber mit einem leidenschaftlichen Eifer übte, der seinem ganzen Temperament nach oft genug kühn und rücksichtslos die Grenzen überschritt. Es ist als ein Bruchstück in die'Welt gegangen, als ihn am 7. September 1S91 auf der Rückreise von Karlsbad der Tod im Hause seines Sohnes zu München überraschte. Sorgsame Einzelforschung wird erst noch zu diesem Arbeitsgebiet des Meisters Stellung nehmen müssen. Auch hier liegt noch unendliche Fülle des Materials für fleißige Kärrnerarbeit. Mit seinem scharfen historischen Blick und seinem fein witternden kritischen Spürsinn hat Graetz auch hier zahllose Goldkörner entdeckt, die nur ausgeschachtet, die wieder entdeckt werden müssen. Wie oft haben wir über diesen seinen bibelkritisch.cn Eifer gelächelt, ohne des talmudischen Wortes zu gedenken: wenn ein Großer etwas spricht, spottet seiner nicht! In der Tat, Graetz ist groß geblieben, auch wenn er irrte. Heinrich Graetz war kein Parteiführer, schon darum nicht, weil er als kritischer Beschauer viel zu sehr über den Fragen des Tages stand. Von der Orthodoxie schied ihn seine ganze Auffassung de*s Judentums und seiner Geschichte und ließ zuletzt auch — nicht durch seine Schuld — sein einstiges Verhältnis zu Hirsch erkalten. Abraham Geiger stand er innerlich und äußerlich noch abweisender gegenüber, und über die Reform und die Reformer hat er in seiner Geschichte der Neuzeit oft genug ätzende Ironie ausgegossen. Er wäre auch kein Zionist im heutigen Sinne gewesen, obwohl er ein begeisterter National-Jude war,, sein jüdisches Volk glühend liebte und keine Ruhe hatte, bis er das-