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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 61

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Heinrich Graetz
Date
1917-11-10
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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61 heilige Land mit eigenen Augen gesehen. Graetz war eine zu unbeugsame, freiheitliche Natur, als daß er sich irgendwie in das Joch einer Partei oder Richtung hätte zwingen lassen. Wie sein Volk, das sich trotz Not und Tod nicht hatte niederzwingen lassen und mit unzerstörbarer Lebenskraft sich immer wieder durchgerungen, so liebte er als Geschichtsforscher die Nationen, die frei fühlten und strebten. Darum erwachte seine Sympathie für Deutschland erst von dem Augenblick seiner Geschichte an, da es so stark sich seine innere und äußere Freiheit schuf, zum großen Ärger Treitschkes, der ihn wegen solcher Mißachtung der deutschen Vergangenheit anrempelte. Graetz konnte nicht anders. Was ihm zuwider war, darüber schwang er rücksichtslos die Geißel scharfen Wortes oder Witzes; was ihm gefiel, dem diente er voll Hingabe und Begeisterung. So war er auch zu den Menschen. Er liebte die, die sich nicht ängstlich und bequem duckten. Wir Jungen fochten damals am Seminar manchen Kampf um Dinge aus, die uns innerlich und äußerlich sehr angingen. Wer zu Graetz um Hilfe kam, der fand, wenn er ihm gefiel, ohne daß er sich um die Richtung kümmerte und ohne daß er viele Worte machte, einen kräftigen Beschützer, wie er sich denn auch , seiner Schüler draußen in der Welt aufs tätigste annahm. Auch seine Vorlesungen, die er am Seminar und als Professor der Exegese an der Universität hielt, waren mehr durch die starke Persönlichkeit eindrucksvoll, die hinter dem Worte stand, als durch dieses selbst. Eine Ausstrahlung solcher Kraft und Stärke war zugleich der eiserne Fleiß, den er vom Grauen jedes Tages an betätigte. So war er uns Jüngeren, die ihm nahestanden, Führer, Berater, Gönner und Freund. Sein großes Werk aber wird unsterblich für ihn zeugen und allen Geschlechtern kündltch von Heinrich G r a e t z , dem Meister .der jüdischen Geschichte. Graetz und das Osljudenfum*) Von Dr. Josef M e i s 1, Berlin K^Z^u den merkwürdigen psychologischen Erscheinungen, welche wir ]j0* Betrachtung des Charakterbildes der großen Repräsentanten f£^> der deutschen Judenheit im 19. Jahrhundert beobachten können, gehört ihr Verhalten in Anschauung und Praxis zu dem Leben und den Problemen des östlichen, d. h. vor allem des russischpolnischen Judentums. Selbst in den. Seelen solcher Geister, denen man trotz aller Neigung für eine „zeitgemäße" Forteilt Wickelung der religiösen Grundlagen des Judentums und trotz aller Überschätzung des Wertes und der Wirkungen „bürgerlicher Emanzipation'4 innige Verbundenheit mit ihrem Stamme, Liebe zu ihrem Volke nicht absprechen kann, gähnt, um ein Wort Nie tschos zu gebrauchen, jene kleinste Kluft, die zugleich die tiefste *) Gekürzte Übersetzung aus dem demnächst im Verlag der Zeitschrift „Moriah" erscheinenden „Almanach ZydowsJu".

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