Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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59 seine ersten literarischen Arbeiten lieferte. Im selben Jahre 1853, in welchem er "jene Berufung erhielt, erschien der erste Band des großen Werkes, das ihn fortan als den Meister der jüdischen Geschichte erweisen sollte, Band IV der Geschichte der Juden, die talmudische Zeit umfassend. Ihm folgten 1856 der dritte Band, die „Geschieht^ der Juden seit der Makkabüerzeit", und in den Jahren bis 1870 die Fortsetzung der jüdischen Geschichte bis in die Gegenwart hineiA. Zuletzt ergänzte Graetz das Ganze noch durch die Darstellung der ältesten Zeit, so daß das 1876 vollendete Gesamtwerk in 11, bzw. mit einem Doppelband 12 Bänden die „Geschichte der Juden von der Urzeit bis in die Neuzeit" umschloß. Die Kühnheit, mit der er den ersterschiencnen Band gleich als denvierten dieses großen Ganzen bezeichnet hatte, erwies sich als der Ausdruck einer Siegeszuversicht, die durch eigene Kraft, freilich auch durch des Himmels Gnade, sich ihres weit- . gesteckten Zieles sicher wußte. Stand so der gewaltige Umriß von vornherein fest, so waren die Grundsätze, nach-denen Graetz arbeiten wollte, viel mehr mit dem instinktartigen Gefühl des Genies erfaßt als nach Theoremen festgelegt. Graetz hat sich denn auch wenig darüber ausgelassen, sondern sprang mitten in die Sache hinein. Es waren die wichtigsten Erkenntnisse moderner Geschichtsforschung, mit denen ganz unwillkürlich sein Genie das Werk aufbaute: die Erkenntnis, daß keine Nation isoliert bleibt, daß also auch die Geschichte der Juden im engsten Zusammenhang und fortwährendem Vergleich mit der Geschichte der anderen Nationen darzustellen war; die weitere Erkenntnis, daß Geschichte kein bloßes Nacheinander und Sammelsurium .von Begebenheiten, sondern eine geschlossene Entwickelung darstellt, deren Auf und Nieder nicht zufällig, vielmehr nach dem Gesetz von "Ursache und Wirkung sich vollzieht; endlich die Erkenntnis, daß in jeder, auch der sagenhaften Überlieferung wirkliche Geschichte ihren Niederschlag gefunden hat. In der wundervollen Durchführung dieser drei Erkenntnisse, die in ihrer ganzen axiomatischen Bedeutung erst uns Modernen bewußt geworden sind, liegt die innere große Kraft des Graetzschen Werkes, abgesehen von der äußeren gewaltigen Leistung der ersten Gesamtdarstellung der jüdischen Geschichte. Immerzu wird Israels Ge- ' schichte und Literatur in die der anderen Völker hinein gestellt und von ihr aus beleuchtet. Da gibt es Farben und Keflexe, die niemand geahnt, da werden in unerschöpflicher Belesenheit jüdische und nichtjüdische Quellen und Stellen ans Licht gezogen, über die man ahnungslos hinweg geschritten war. Und es ist eine einzige große Entwiekelungskette, die das gesamte Geschichtsbild umschlingt. Ohne innere und üußere Lücken, ohne Risse und Spalten im Inhalt und Aufbau wickelt sich von einer Spule das Drama der jüdischen Geschichte mit seinen Höhepunkten und seinen Tiefen ab, streng logisch und wissenschaftlich in seinen Ursachen, erschütternd in seinen Wirkungen, grandios in der Kraft der Darstellung. Graetz besaß für alles Historische eine fabelhafte Witterung, einen verblüffenden Spürsinn. Er war eben der geborene Historiker. Dabei wußte er mit großem