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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 58

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Heinrich Graetz
Date
1917-11-10
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 Jugend verbrachte, und ein schlichtes Elternpaar — der Vater war Fleischer —, von dem er stammte*). Am 81. Oktober 1817 zu Xions geboren, genoß Heinrich (Hirsch) Graetz zu Zerkow .und Wollstein seinen Jugendunterricht in Cheder und Talmudschule. Nichtjüdische Bildung eignete er sich wie einst der Schöpfer der jüdischen Neuzeit, Moses Mendelssohn, und die meisten jener Übergangsperiode wahllos und gierig als Autodidakt an. Auch bei ihm ging . es nach dem talmudischen Wort: erst lernen, dann ordnen. Wie Mendelssohn, so fand jedoch auch Graetz seinen Lessing. Samson Rafael Hirsch, der spätere Führer der Frankfurter Orthodoxie, damals Landrabbiner in Oldenburg, führte Graetzens Geist und Wissen auf den Weg der Ordnung und Vollendung. Seine „Neunzehn Briefe über Judentum", in den er die Neuromantik der Orthodoxie begründete, erschienen 1836 gerade zur rechten Zeit, um den Jüngling, der durch den Wirrwar seines Wissens geistig und seelisch völlig auseinander zu fallen drohte, vor dem Sturz in die allerletzten Abgründe der Skepsis zu bewahren. Die Schrift machte so tiefen Eindruck auf Graetz, daß er sich dem Verfasser als Schüler anbot. Er wurde angenommen und verbrachte dreieinhalb Jahre um diesen Mann,- der als Mensch, als Gelehrter und als Theologe eine harmonisch abgestimmte und durchgebildete Persönlichkeit darstellte und darum, in der Tat wohl geeignet erschien, seinen Schüler in gleicher Weise zu beeinflussen. Reif und abgeklärt schied Graetz aus seinem Hause. Seinem scharfen Blick waren freilich die Schranken des Könnens seines Meisters und die Mängel seiner Welt- und ReligionsaufTassung nicht entgangen. Aber seine Dankbarkeit blieb unveränderlich, auch als ihre Wege später auseinandergingen und die Verschiedenheit wissenschaftlicher und religiöser Auf. fassung sie als Gegner die Klingen kreuzen ließ. Nachdem Graetz durch den Besuch der Breslauer Universität seinem Wissen die letzte formale Abrundung gegeben — innerlich boten ihm die Studien sehr wenig mehr — und 1845 sich zu Jena den Doktorhut geholt hatte, vergingen die folgenden Jahre mit verschiedenen Versuchen eine Lebensstellung zu gewinnen. Sie mißlangen alle, am gründlichsten der, eine Rabbinerstelle zu erlangen. Bei der Probepredigt in Gleiwitz blieb der Kandidat heillos stecken. Einen solchen Witz leistete sich das Schicksal mit dem Manne, der zuletzt und endlich als Dozent am jüdisch-theologischen Seminar in Breslau festen Fuß faßte und dort von 1854 bis zu seinem Tode 1891 die ganzen Generationen moderner Rabbiner mit ausbilden half. Die Berufung nach Breslau hatte Graetz' Zacharias Frankel zu verdanken, dem er religiös nahe stand und wissenschaftlich noch näher getroten war, und für dessen Zeitschrift und Monatsschrift er J) Eine Biographie von Graetz hat Philipp Bloch der zweiten Auflage des 1. Bandes der Geschichte der Juden vorangeschickt. Eine neue Würdigung von Graetz gibt Dr. Josef MeisI in seinem Buche: „Heinrich Graetz", Verlag L. Lamm, Berlin.

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