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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 56

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Zur Jahrhundertfeier unseres Graetz
Date
1917-11-10
Page
Seite 56 (sequence 6)
Language
German
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56 hanges mit dem Weltganzenu für die „Organisation" de« Judentums. Dieses Zusammenhanges sich immer „bewußt zu sein" sei die Aufgabe. So fordern wir denn gar nichts dem Geiste unseres Gefeierten Fremdes, wenn wir theoretisch wie praktisch für unsere ideale Geschichte das bestündige Bewußtsein unseres Zusammenhanges mit dem Weltganzen als den Leitgedanken fordern. Graetz war im besten Sinne ein Universalhistoriker, nicht nur ein Spezialhistoriker der Juden. Als Letzterer war er der Erstere; und seine Grüße besteht gerade darin, daß er wenigstens als Kulturhistoriker ein Universalhistoriker war. Dieser Charakter des großen historischen Stiles wird ihm nicht geraubt durch die Einseitigkeiten, zu denen sein Temperament ihn hinriß. Sein Affekt konnte ihn ungerecht machen und leider auch zu einer falschen Wegweisung verleiten, aber es hat ihn doch nicht gänzlich abirren lassen von dem hohen Ziele, das er im Vorbeginne seiner Lebensarbeit sich gesteckt hatte. Er hätte auch sonst nicht mit einer solchen Tiefe die religionsphilosophischen Partien behandeln können, in denen ein Scharfblick sich bekundet, den man dreist mit den philosophischen Partien in den Werken R a n k e s vergleichen kann. Und schließlich ist er ja auch Moses Me n d e 1 s s o h n gerecht geworden, von dem •doch damals und in gewissen Lagern noch heute alles Unheil hergeleitet wird. Unser Einspruch ist niemals gegen seine Gesinnung gerichtet, die uns immer unverdächtig bleibt und immer hochsteht und die wir immer verehren und wahrhaft lieben, auch wo wir gegen einzelne ihrer Äußerungen uns wehren zu müssen glauben. Wie könnte man auch einem Manne die Liebe versagen, der selbst da, wo er Abneigung und Widerwillen kundgibt, immer aus dem heiligen Feuer einer heldenhaften Seele Funken sprüht. Wer so viel Liebe gesät hat, dem kann kein Mitliebender es verargen, wenn er bisweilen auch an der idealen Pflicht der Liebe es ermangeln läßt. Schließlich glaubt man auch erkennen zu dürfen, daß das Übermaß der Liebe selbst die Schuld trägt au ihrem teilweisen Nachlassen. Man muß auch bedenken, daß nicht Ungerechtigkeit .überhaupt gegen die Reformpartei ihn zu heftigen Urteilen verleitet hat, da er ja auch nicht selten unbillig wird gegen Häupter der von ihm sonst bevorzugten Parteirichtung. Und dieser Impulsivität hat er sogar als Lehrer sich nicht enthalten können, wie ich mich noch heute der Aufregung erinnere, die über mich kam, als ich sein Urteil über D a v i d K i m c h i aus seinem Munde vernahm. Und doch kann man es gar nicht abschätzen, was wir damals von der Freimütigkeit seines kritischen Urteils gewonnen haben mögen für die Schärfung unseres wissenschaftlichen Gewissens. Ich wollte und sollte als persönlicher Schüler über den großen Mann ein kurzes Wort hier niederschreiben. Da darf ich denn wohl auch mit einer persönlichen Erklärung nicht zurückhalten, die mir um so mehr am Herzen liegt, als man aus meiner damaligen politisch notgedrungenen Abwehr eine Empfindlichkeit oder gar Animosität herausgelesen haben

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