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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 57

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Zur Jahrhundertfeier unseres Graetz
Date
1917-11-10
Page
Seite 57 (sequence 7)
Language
German
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57 wollte. Mein Verhältnis zu diesem großen Lehrer kann ich aber vielmehr als eine unglückliche Liebe bezeichnen. Und es war mir eine große Lebensfreude, als ich nach langen Jahren in Karlsbad ihn wieder traf, und er mich umarmte und küßte. So war denn doch meine alte Liebe zu ihm auch von ihm selbst erwidert worden. Dabei bin ich mir lebhaft bewußt, daß meine Bedenken gegen ihn bei dieser Begegnung und bei dem ■mannigfachen Gedankenaustausch, der damals stattfand, ebenso scharf und gewichtig waren, wie sie es noch heute sind. Diesen Mann konnte man bekämpfen, mit aller sachlichen Heftigkeit, aber man mußte ihn immer lieb haben. Seine Seele war eine Zionsseele. Heinrich Graetz Von Dr. Max Freudentbai, Nürnberg en Meister grüßen wir zum hundertsten Geburtstage in den Höhen der Unsterblichkeit mit unvergänglichem Danke. Wir saßen — als letzte Generation seiner Schüler — lauschend zu Füßen des Lehrers. ' Wir folgten dem treuen Führer und Berater willig in manch innerem und äußerem Kampfe. Wir durften auch dem M e n s c h e n näher treten und brachten als junge Freunde frohe Stunden in seinem Hause zu. „Dies dreifache Band zerreißt nicht schnell!'' Laßt uns hier vor allem den Lehrer grüßen! Als den Meister der jüdischen Geschichtsforschung kennt ihn die ganze Welt. Er ist es auch für uns noch, die wir bereits zu künftigem Neuaufbau der jüdischen Geschichte und Wissenschaft die Steine zusammentragen. Der große und glückliche Wurf, den er mit seiner „Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart" in zwölf Bänden gewagt und gewonnen, wird zum mindesten in diesem Jahrhundert keinem so schnell mehr gelingen/ Wo und wie G r a e t z den Anstoß zu dieser großen Aufgabe und vor allem die Grundsätze, nach denen er sie durchführte, in sich aufgenommen hat, ist nicht aufgehellt, wohl auch nicht aufzuhellen. Der schöpferische Geist läßt sich nicht in seine letzten Geheimnisse auseinanderlegen. Vorläufer hatte er keine. Marcus Jost, der zuerst unter den Neueren an das Unternehmen einer Geschichte des jüdischen Volkes heranging, war dieser gewaltigen Aufgabe nicht gewachsen und Graetz in keiner Weise kongenial. Wissen und Fleiß besaß auch jener in reichstem Maße. Doch ihm fehlte das Geniale, das G r a e t z auszeichnete: .der scharfe Blick, das divinatorische Hellsehen, die Kunst des Greifens, Zusammenfassens, . Entwerfens und Aufbauens, die Gewalt der Sprache. Das alles läßt sich nicht erwerben. Graetz brachte es als göttliche Gabe mit. Nicht aus dem Elternhaus oder seiner Umgebung! Es waren kümmerliche Ortschaften und Religionsgemeinden im Posenschen, in denen er seine

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