Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Zur Jahrhundertfeier unseres Graetz
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 55 (sequence 5)
- Language
- German
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55 wissenschaftliches Urteil dürften nun aber Geiger und F r a n k e 1 in inniger Harmonie als geistige Zentren vereinigt dastehen in unserer Pietät. Nicht nur die Pflege der Wissenschaft und die wissenschaftliche Leistung vereinigt sie, sondern nicht minder auch der Gedanke, das Prinzip der historischen Reform und Entwicklung, wenngleich sie in den aktuellen Maßstäben für die Kultur des Gottesdienstes weit auseinandergingen. Das Prinzip der Wissenschaft bestätigt das Prinzip der religiösen Gesamtentwicklung. Die Gerechtigkeit fordert es daher ebenso, wie der heilige Eifer für die Zukunft unserer Religion kraft ihrer Grundgedanken, daß wir am Jahrhunderttage von. Graetz besonders deshalb auch Geigers gedenken, weil dieser nicht minder unser Historiker war, als ein großer Forscher unserer biblischen, unserer talmudischen, wie unserer mittelalterlichen Geschichte, zugleich aber ein vorschauender Prophet als Historiker war, insofern er unserer Zukunft das große Ziel der Weltreligion wieder aufgerichtet hat. Diesen Verdiensten gegenüber wird es zu einer verhältnismäßigen Nebensache, welche taktischen Fehler auch er gemacht haben mag: er hat die Weltreligion auf unsere Schultern geladen und mit diesem Joche tragen wir, von neuem belebt und frohgemut, das alte Joch des Gottesreiches. Wir würden das Andenken unseres Graetz nicht in wahrhaftiger Ehrerbietung und Pietät begehen, wenn es nicht hätte ausgesprochen werden dürfen, worin wir ihm nicht folgen können, worin seine Weisung der Berichtigung und der Ergänzung bedarf. Dadurch wird der Anteil nicht verringert in seiner Größe, den er an unserer Dankbarkeit zu fordern hat. Er hat mit heiligem Eifer unsere große Vergangenheit oftmals erst aus dem Verborgenen enthüllt, überall in lichten Farben lebendig gemacht. Er war ja aber auch nicht Rabbiner; er hatte der Aufgabe sich entzogen, für die Erneuerung unseres Kultus, für die Schätzung des Wesentlichen in unserer Tradition unter den veränderten Zeitverhältnissen die so schwer komplizierte Sorge auf sich zu nehmen; ihm war die Muße beschieden, welche den Beruf des akademischen Lehrers mit dem des literarischen Forsehers verbindet. Es i^t ein besonders wichtiges Kapitel in unserer neuen Geschichte, daß in jener Zeit fast alle unsere deutschen Rabbiner die Qualität des Professors hatten: so tief befruchtend erwies sich die Wissenschaft für die Fortführung und die Fortentwicklung unseres religiösen Lebens; denn diese unsere Wissenschaft lag fast ausnahmslos in den Händen der mehr oder weniger durchgeführten Reform im Judentum. Und diese Reform ging keineswegs auf in liturgischen Minuticii, sondern sie war fast durchgängig geleitet von dem großen messianischen Prinzip des modernen Judentums. Bevor Graetz an sein Geschichtswerk heranging, verfaßte er für Frankels Monatsschrift einen Aufsatz über „die Konstruktion der jüdischen Geschichte". Auf Grund dieser Abhandlung habe ich in der demnächst erscheinenden Festnummer der Monatsschrift über die Geschichtsphilosophie von Graetz schreiben dürfen. Das letzte Wort jener jugendlichen Abhandlung ist die Forderung des „Zusammen-