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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 54

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Zur Jahrhundertfeier unseres Graetz
Date
1917-11-10
Page
Seite 54 (sequence 4)
Language
German
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54 mütige Äusserung, daß dieser Historiker unserer Vergangenheit nicht weise genug vorgesorgt zu haben scheint für unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Nicht nur für unsere politische und kulturelle Gegenwart insbesondere im deutschen Lande und Volke müßen wir dieses Bedauern aussprechen, sondern nicht minder auch überhaupt .für unsere kulturelle und demzufolge auch für unsere religiöse Lebenskraft und für den gesicherten Fortbestand unseres Glaubens. Hier scheiden sich die Urteile über den Wert des Historikers, sofern er in den Nimbus des Propheten gerückt wird. Ich selbst mußte in be- 1 wegter Stunde gegen ihn Partei ergreifen, und ich glaubte meine Pietät damit zu bezeugen, daß ich als seinen Schüler mich bekannte, obschon damals bereits nahezu zwanzig Jahre .vergangen waren, seit ich zu seinen Füßen gesessen hatte. Als damals Treitschke die akademische Bewegung gegen uns anführte und einführte, da schätzte ich anders als es die öffentliche Meinung tat, die nachhaltige Gefahr, die damit über uns kommen würde. Und die Zeit wird es lehren, wer auch aus dem jüdischen Gesichtspunkte damals der richtige Politiker gewesen ist. Die Konflikte sind ja immer schärfer und verwickeelter geworden: keineswegs ist es zur Klärung, geschweige zur Lösung gekommen. Und diese Konflikte betreifen gar nicht allein unsere politische Lage, sondern auch unsere religiöse Fortentwicklung. Auch heute aber muß ich es aussprechen, wie ich es damals tat: wir deutschen Juden stehen anders zum deutschen Geiste und demgemäß zum deutschen Volke, als daß der 11. Band von Graetz uns als ein Wegweiser dienen könnte und dürfte. Genug darüber, außer" dem Einen noch: Die biblische Geschichte ist erst nachgekommen. Man hätte wünschen mögen, daß der 11. Band nicht gerade im Jahre 1870 zur Veröffentlichung gekommen wäre. Die aktuellen Fragen, die dort zur Behandlung kamen, wären vielleicht zu einer anderen Bearbeitung gekommen, wenn die damalige Krise abgewartet worden wäre. Es wrar jedoch nicht allein die deutsche nationale Schwierigkeit, welche hier dem deutschen Juden das Herz bedrückte, sondern nicht minder wurde auch die religiöse Entwicklung des Judentums bedroht, Die Vergangenheit darf niemals das absolute Ideal des Historikers sein, sondern immer muß die Zukunft das große Problem und den Maßstab bilden, wie praktisch für die Gegenwart, so auch im historischen Urteil über die Vergangenheit. Für die religiöse Reform im Judentum hat der Historiker sich nicht abhängig zu machen von dogmatischen Standpunkten, geschweige von Opportunitätsrücksichten, die den Kultus betreffen, sondern das Geistesleben in seiner Wurzel, in den Triebkräften der Prinzipien muß immerdar sein Leitstern sein. Die Reform im Judentum hat die Wissenschaft des Judentums geschaffen. Dieses historische Faktum ist das weltgeschichtliche Kennzeichen des Prinzips der Reform. Daher hätte der Name Abraham Geigers nicht fehlen dürfen in einer wissenschaftlichen Geschichte der Juden. Aber Graetz hatte ja sogar gegen Zun2 keine Gerechtigkeit geübt. Für unser heutiges

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