Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Zur Jahrhundertfeier unseres Graetz
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 53 (sequence 3)
- Language
- German
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53 großen Vorbereitungsaufgaben für die Konstruktion des Historikers imsern Graetz trotz seiner Fehlgriffe in manchen Einzelheiten als ein leuchtendes Vorbild der Geschichtsforschung hinstellen. Unsere Dankbarkeit muß daher auch eine ungewöhnliche sein, auch ohne daß wir ausschließlich auf den Inhalt unserer jüdischen Geschichte Bezug nehmen, mit deren Entrollung er unser religiöses Bewußtsein neu erweckt und entflammt hat. Als Juden danken wir es ihm vor allem Anderen, daß er nicht nur ein so großer Arbeiter, Forscher und Künstler in der Darstellung gewesen ist, sondern auch daß er als jüdischer Historiker in so vorbildlicher Weise sich ausgerüstet hat für das schwierige Amt eines Universalhistorikers der Juden. Der Historiker soll rückschauender Prophet sein. Dies ist ein altes Wort. Aber es enthalt nur eine halbe Wahrheit. Auch der Prophet war rückschauend, und dennoch war die Vorschau seine eigentliche Sache. So ist es auch von der idealen Aufgabe des Historikers nicht abzutrennen, daß er die Vorschau halte in die Zukunft. Und nur wenn er sich zu solcher Vorschau berufen fühlt, kann er dem Ideal des Historikers sich annähern. Graetz hat sich niemals genuggetan in seiner Erforschung der Vergangenheit. Wie er mit seinem Herzblut geschrieben hat, so hat er für den Fortbestand seiner Glaubensgemeinschaft wirken und schallen wollen. Man muß den gelehrten Forscher um so mehr bewundern, als Graetz seihst vielleicht mehr noch der Politiker und der Publizist seiner Religion und ihrer Bekenner sein wollte. Seine Darstellung strebte daher auch nicht nach klassischer Ruhe und Einfalt, sondern wie ein vom Sturmwind gepeitschtes Meer brauste seine Rede dahin. Zorn und Eifer waren die vorherrschenden Affekte seiner Seele, nicht Sanftmut und Milde, nicht unparteiisches Abwägen der sachlichen .Motive in gegnerischen Ansichten, nicht Zurückhaltung im Urteil üb»»r die Oesinnung des Gegners. Bei dieser seiner Affektlage fehlte ihm auch das Streben, die Überlegenheit des Richters zu gewinnen über den Streit der religiösen Parteien. Und wie es ihm an der Objektivität zum Richteramte gebrach in einem aktuellen wissenschaftlich-religiösen Streite, so mußte er gänzlich versagen da, wo der Historiker den Sessel des Weltrichters besteigen sollte; wo es sich um die Zukunft drehte, nicht mehr nur um die Feststellung der Vergangenheit: wo das Schicksal des Judentums, die Zukunft der Religion und ihrer Bekenner in der Zukunft der Zeiten und der Weltalter zur großen Frage des Historikers auswächst. Es ziemt sieh nicht, eine so seltene Jubiläumsbetrachtung durch die Darlegung einer Klage zu trüben, die bei aller Sachlichkeit doch immer einen Schatten auf die zu feiernde Person werfen müßte. Andererseits aber wäre es auch eine schlechte Ehrung zur Jahrhundertfeier dieses Mannes, wenn seiner Tapferkeit mit Feigheit vergolten würde; wenn der große Anlaß nicht in Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit uns zum Erlebnis würde. Unsere Dankbarkeit, unsere Verehrung, unsere Liebe selbst wird nicht beeinträchtigt durch die Einsicht und deren frei-