Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Zur Jahrhundertfeier unseres Graetz
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 52 (sequence 2)
- Language
- German
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52 hat Ewald die Geschichte der Juden gesehrieben, und in neuerer Zeit Wellhausen, Wäre nun Graetz nicht der Historiker geworden, so war er vollkommen ausgerüstet zum biblischen Exegeten. Während aber bei Wellhausen die Bibelkritik das Fundament bildet, an das die historische Konstruktion auch in der späteren Darstellungsform sich anlehnt, ist die Geschichte Israels bei Graetz, obwohl frei dargestellt, dennoch auf jeder Seite durchzogen von der genauesten Gelehrsamkeit der Bibelforschung, die bei aller seiner geistreichen Kombinationsgabe und bei allen etwa zuzugestehenden Fehlgriffen im ganzen jedoch im Geleise und auf der Höhe der.exakten Methode steht. So ist dieser Historiker in erster Linie ein großer Bibelforscher, als den seine Geschichte ihn erwiese, auch wenn er nicht die Psalmen, das Hohe Lied und K o h e 1 e t übersetzt und kommentiert hätte. Nun hat aber Graetz — welche taktische Voraussicht und welche Selbstzucht liegt nicht schon in diesem seinen Beginnen — mit dem vierten Bande, mit der Zeit des Talmud seine Geschichte angefangen. Der jüdische Historiker durfte daher nicht nur ein Bibelforscher: er mußte auch ein Talmudgele h rter sein. Und Graetz hat die ganze rabbinische Gelehrsamkeit im vollen Umfang und in der ganzen Tiefe dieses weiten, großen Gebietes der Geistesgeschiclite besessen. Der selige Frankfurter Rabbiner Horovitz erzählte mir einmal mit freudigster Anerkennung, wie er sich von der kompetenten halaehischen Dialektik dieses großen Forschers überzeugt habe, als dieser einmal an einem talmudischen Lehr.vortrage in eifriger Diskussion Anteil nahm. Welche grandiose Vorbedingung enthält aber aUein schon diese Beherrschung des talmudischen Materials, das zugleich die des gesamten späteren rabbinischen Materials für den jüdischen Historiker voraussetzt. Wellhausen sagte mir einmal, wie er doch erkannt habe, Graetz als Bibelforscher zu achten. Und doch ist diese erste Vorbedingung der biblischen Kompetenz beinahe von verschwindender Bedeutung gegenüber der zweiten mit dem vasten Inhalt, den sie einschließt. So steht Graetz vor der allgemeinen Geschiclitswelt da als ein seltenes Vorbild der philologischen Vorbildung für den Beruf des Historikers. Das ganze Gebiet der Bibelkunde hat er beherrscht. Er war ebenso Gramatiker, wie Exeget, und ebenso Geograph, wie Literaturforscher, Und das ganze talmudisch-rabbinische Schrifttum hat er als Forscher verwaltet. Er hätte nicht als Gesclrichtsquelle den Talmud ausschöpfen können, wenn ihm das ganze Gebiet der Halacha nicht durchsichtig gewesen wäre, geschweige das der Hagada. Und er hätte die spätere Geschichte der Juden nicht schreiben können, wenn er nicht die Responsenliteratur hätte benutzen können, die wiederum auf das intimste mit.den talmudischen Quellen zusammenhängt. Von so umfassender Gelehrsamkeit war dieser Mann, und auf so verschiedene Gebiete mußte er seine Methodik einstellen. Wahrlich, bevor man zu einem Urteile sich erkühnt über den Wert seiner geschichtlichen Darstellung, sollte man sich nicht gcnugtim können in der Bewunderung seiner philologischen Ausrüstung in ihrer Vielseitigkeit und ihrer Exaktheit. Es ist gewiß keine Überhebung, wenn wir vor der Steilheit dieser