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Neue jüdische Monatshefte · 1917-10-25 · Heft 2 (25.10.1917) · p. Seite 48

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 2 (25.10.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-10-25
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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46 fordert nicht minder auch Anerkennung der geschichtlichen Konsequenzen seiner Umwälzung für die gesamte Kultur und insbesondere für den Staat. Außer der aUgememqn Beeinflussung der geistigen Kultur fühlen wir uns mit Luther geistesverwandt darin, daß er die Schule von der Obhut der Klöster befreit und zu einer Pflicht der staatlichen Obrigkeit gemacht hat. Die Schule muß die Pflanzstätte der Bildung für das gesamte Volk werden. Es ist dio erste Obliegenheit des Staates, für die Schule, als die Bildungsstätte des Volkes, Sorge zu tragen? Unserer jüdischen Gesclüchte ist dieser Gedanke zum Lebensprinzip unserer Gemoinde von Anfang an geworden und allezeit geblieben. Den Unterschied von Geistlichen und Laien kennt unsere religiöse Vorfassung nicht. Und domgemäß kennt unsero Geschichte auch nicht den Unterschied von Gelehrten und Laien. Der Unwissende kann nicht fromm sein. Dieser Spruch ist allgemeiner Grundsatz. Noch heute könnten unsere deutschen Soldaten in Polen große Gelehrte kennen lernen, die nichtsdestoweniger dio niedrigste Werktagsarbeit verrichten. Die Schule war neben dem Gotteshauso das ebenbürtige Institut der Gemeinde. Und so sehr hatte die Schule und das Lehrhaus (Bet hamidrasch) die Oberhand, daß im jüdisch-deutschen Jargon die Synagoge „Schul" genannt wird. Auch in der allgemeinen Schulpflicht sind wir immer Protestanten geweson. Endlich ist der moderne Staatsbegriff überhaupt eine Frucht des Protestantismus. Es ist ein Irrwahn, heuto noch vom christlichen Staate zu sprechen. Diesen Begriff verdankt die neuere Politik dem Konvertiten Stahl. Der moderne Staat verwaltet seine Sittlichkeit selbständig und in kompetenter Souveränität Daher vordanken wir dieser Konsequenz des protestantischen Prinzips für den Staatsbegriff unser ganzes modernes Dasein als Bekenner des Judentums und als deutsche Staatsbürger. Auch hier dürfen wir das Urmotiv des Gedankens als biblisch ansprechen. Luthers Gedanke vom allgemeinen Priestcrtum ist wunderbar von Mose formuliert: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk44. Das ganze Volk soll aus Priestern bestehen, soll heilig soin. So wird dio Heiligkeit, die Sittlichkeit, zum Fundament des Reiches, des Staates gelegt. Und wenn Luther zunächst der Kirche gegenüber mit deren Prärogative ihrer Priester das allgemeine Priestcrtum forderte, so hat er dadurch dein modernen Geiste die Baiin gebrochen für das neue Staatsleben, das auf der Befreiung des Staates von der Kirche, auf der Begründung des Staates in der freien Sittlichkeit beruht. Und wenngleich die Probleme des Landes-9 fürstentums dabei mitgeholfen haben, so liegt doch das Prinzip für das moderne Staatswesen in diesem seinen religiösen Grunde. So verdanken wir es endlich in einer ganz sonnenklaren Abfolge der Prinzipien unserem großen Luther, daß wir als deutsche Juden, dem deutschen Staate uns angehörig fühlen, seinen Pflichten und seinen Rechten Untertan, seine Leiden und seine

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