Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 2 (25.10.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-10-25
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
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47 Wir wollen hier nur in dieser ausschließlichen Berufungauf den gnädigen Gott die alttestamentliche Kraft des Glaubens an eleu Gott kenntlich machen, der sich offenbart hat als „barmherzig und gnädig, langmütig und groß an Liebe und Treue, der das Vergehen vergibt, die Missetat und die Sünde". Die Vergebung der Sünde ist der Charakter des alttestarn entliehen Gottes. In dieser Sündenvergebung besteht seine Liebe und zugleich seine Gerechtigkeit; in ihr besteht seine Güte, die Liebe und Gerechtigkeit vereinigt. Wer an den einzigen Gott glaubt, der glaubt an ihn, als den Versöhner und Erlöser des Menschen. Daher ist der Tag der Versöhnung der Gipfel des jüdischen Gottesdienstes. Daher durfte das Opfer fallen, durfte Gott seinen Tempel mit dem Opferdienste zerstören lassen, weil, wie der Talmud reformatorisch es ausdrückt, „der Tisch jedes Menschen sein Sühnealtar wird14. Mit diesem Glauben an den gnädigen Gott hat Luther nicht nur die Glaubenswerke der Kirche bekämpft, sondern er hat die Verinner 1 i c hung, die Vorgeistig ung des religiösen Glaubens überhaupt durch ihn angestrebt und in die Bahnen geleitet, welche die moderne Ethik weiterhin beschritten hat. Was die moderne Religiosität von der mittelalterlichen unterscheidet, ist wahrlich nicht ihre größere Energie, noch selbst eine vertieftere Innerlichkeit. Aber die geistige Klarheit über das lirmenschliche Problem der Sittlichkeit, als der zentralen Aufgabe des Menschen, diese geistige Innerlichkeit, dieses Bewußtsein der S e 1 b s t v e r a n t w o r t u n g für das Menschentum unterscheidet die moderne Sittlichkeit und die moderne Religiosität von aller altertümlichen. Und gerade diese Erkenntnis von der Selbstverantwortliehkeit dos Manschen für sein Wollen und sein Tun kleidet sich für das religiöse Gefühl in den Glauben an die Gnade Gottes. Denn so gescheit ist wahrlich der moderne Mensch geworden, daß er die Grenzen seiner Kraft zum Guten und seiner Widerstandskraft gegen das Böse einigermaßen wohl begriffen hat, und daß er daher am letzten Ende und im letzten Grunde nichts Besseres tun zu können einsieht, als daß er von der unendlichen Macht, sofern er ihre ewige, ihre unverlierbare Idee zu erkennen vermag, seine eigene sittliche Wiederherstellung zu erhoffen strebt, wie er ja auch auf die Gnade Gottes die Verwirklichung des Guten auf Erden, seinen messianischen Glauben gründet. So können wir aus unserem jüdischen Versöhnungsbewußtscin heraus Luthers Glaubensbegriff lebendig und klar verstehen. Der Glaube an den gnädigen Gott ist der Geist Gottes, der die ganze Bibel durchgeht. Und in diesem Glauben fühlen,wir uns mit Luthers Glauben verbunden; erkennen wir auch die Lösung des historischen Rätsels, welches die moderne Entwicklung des Judentums uns aufgegeben hat. G r Ii t z hat in der Programmschrift zu seinem Lebenswerk den denkwürdigen Ausspruch formuliert: Das Judentum ist schon in seinem Ursprung Protestantismus. Unsere nationale Pflicht, als die deutscher Jaden, erschöpft sich aber nicht in der Anerkennung von Luthers religiösen Großtaten: sie