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Neue jüdische Monatshefte · 1917-10-25 · Heft 2 (25.10.1917) · p. Seite 46

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 2 (25.10.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-10-25
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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46 So wurde das deutsche Volk durch diese neue Offenbarung der Bibel, die bisher dem gemeinen Volke überall verborgen war, zu einem allgemeinen Lehrer, zu einem Erwecker des Volksgeistes in allen europäischen Nationen. Und wenn anders die Bibel eine tiefe Grundquelle ist für den modernen Geist der modernen Völker, so ist Luther durch deine Bibelübersetzung zu einem Wohltäter aller europäischen Völker geworden, deren Geist in allen Bichtungen der Literatur und der Kunst und wahrlich nicht minder der Philosophie von dem Geiste der Bibel, und von dem Eeformationswerke ihrer Verdeutschung die tiefste Anregungerfahren hat. Es ist eine hohe historische Freude des deutschen Juden, daß sein j eigener ewiger Lebensgrund, seine Bibel zum Lebensbaume geworden \ht für alles moderne Geistesleben, zur Wurzel, aus der alle Kräfte der | ^oueren Völker entsprossen und genährt worden sind. Und nicht zuletzt müssen wir auch der Dankespflicht gedenken, zu der unser modernes Judentum diesem genialsten Übersetzer unserer Bibel immerdar verpflichtet ist Wenn nun anders es ferner unbestreitbar ist, daß Moses Mendelssohn durch seine deutsche Übersetzung des Pentateuch und der Psalmen unser modernes religiöses Leben von Deutschland aus für die Juden aller Länder verjüngt und neu befestigt hat, so haben wie in diesem Werke unserer religiösen Neubelebung eine Fortsetzung des Lutherwerkes mit unvergänglicher Dankbarkeit zu erkennen. Unsere historische Pietät beschränkt sich jedoch nicht auf deu Dank für das'Verdienst dieser Übersetzerarbeit Luthers an unserer Bibel. Auch sein theologischer Grundgedanke hängt innigst zusammen mit dem Grundgedanken der jüdischen Religion. Der Glaubensbegriff ist der Grundgedanke, mit dem Luther seine neue Kirche erschuf. Wir gehen hier nicht auf die Schwierigkeiten ein, mit denen dieser neue theologische Begriff verstrickt sein mußte, da er eben als eine neue Wahrheit mit der vollen Energie eines einseitigen Standpunktes sich hindurchringen mußte. Wir gehen hier auch nicht näher ein auf den Zusammenhang dieses Glaubensbegriffes mit dem altbiblischen Glaubensbegriffe, wie Luther selbst ihn in der Einleitung zu den Psalmen eindrucksvoll hervorhob. Wir wollen uns nur an den fundamentalen und eigentlichen Sinn dieses seines Glaubensbegriffes halten, mit dem er den Kampf gegen die Kirche nebst ihren Opferwerken aufnahm. Der schlichte Inhalt dieses Glaubens Luthers ist der Glaube andengnädigenGott,der allein kraft seiner Gnade den Sünder von der Verdammnis erretten kann. Wir fragen nun wiederum auch nicht: Wenn Gott allein in seiner Gnade und kraft seiner Gnade den Sünder erlösen kann, welche Bedeutung, welche Befugnis kann dabei noch Christus haben? Könnte und dürfte er etwa die Gnade Gottes, diese einzige Kompetenz Gottes, doch noch von sich aus ergänzen? Diese Frage gehört in das Innere der evangelischen Theologie und in ihre geschichtliche Fortentwicklung.

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