Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 2 (25.10.1917)
- Article
- Die neuhebräische Literatur
- Date
- 1917-10-25
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908717-2910290--1194-2910323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
41 zeitgenössischer Meister der humoristischen Novelle ist Mordechai David Brandstätter (geb. 1854 im gaiizischen Städtchen B r i e g e 1, lebt noch heute als „kaiserlicher Rat" im Taniow). Seine Humoresken und Genrebilder aus dem-damaligen Leben der Chassidim stellen das Köstlichste dar, was die fröhliche hebräische Muse jemals hervorgebracht hat. Als Lyriker von hoher Innigkeit und Tiefe des Gefühls und echter Kunst ist der der gleichen Epoche angehörende Maler Mordechai Zewi Mane (1859—1887) zu nennen. Sein schönstes Gedicht — das wehmütig-aufjauchzende Zionslied „Masseat Nafschi" — ist volkstümlich geworden. Die neueste Epoche des literarischen Schaffens in hebräischer Sprache setzt etwa mit dem Beginn des letzten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts ein und dauert bis zur Gegenwart. Ihr geistiger Almherr und Erwecker ist — merkwürdig genug — der bereits 1836 geborene Schalom Jakob Abramowitz, berühmt unter dem Dichternamen M e n - dele Mocher Sefarim. Ihn, den ältesten lebenden hebräischen Dichter, verknüpft ein inniges seelisches Band mit den Jüngsten der Schaffenden auf dem Felde unserer nationalen Dichtung. Daher seine Stellung und seine von Liebe und Dankbarkeit eingegebene Bezeichnung als „Großvater" der junghebräischen und jüdischen Dichtergeneration. Die jidische Dichtung rühmt ihn als ihren eigentlichen Schöpfer. Mcndcle ist ein Gesellschaftsdichter kat' exochcn. Gegenstand seines inneren Erlebens und künstlerischen Ausdruckgebens ist die bunte Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und Gestaltungen des ostjüdischen Lebens. Dabei ist er nicht minder groß und echt in der Erfassung des Einzigen, Einmaligen, Ewig-persönlichen im Bereiche des Natur- und Menschenlebens. Als Schilderer und Erzähler bewährt er sich als vollendeter Meister realistischer, ja naturalistischer Darstellungskunst. Das Gesamtergebnis seines fünfzigjährigen dichterischen Schaffens bietet ein lückenloses Gesamtbild alles Typischen und Bleibenden in der Flucht der Lebens er scheinungen. Von wundervoller Urwüchsigkeit und Ungetrübtheit ist sein Naturschauen. Er ist eine Dichternatur von kräftigster, ungebrochener Sinnlichkeit. So jüdisch, überjüdisch sein Herz, so griechisch sein Auge. Seine Sprachkunst ist urschöpferisch. Er ist der Schöpfer eines neuen, in einer vieltausendjährigen Ausdruckskultur wurzelnden und diese resümierenden und erschöpfenden Stils. So ist er zum Klassiker echtester Prägung geworden. Die letzten fünfundzwanzig Jahre sahen eine neue Schaffensperiode im hebräischen Schrifttum anbrechen und zur hohen Entfaltung gelangen, eine Schaffensperiode, die alle anderen ihr in der Diasporageschichte vorausgegangenen an Fruchtbarkeit und Reichtum überstrahlte. Sie ist in Einblick auf die biblische und spanische Epoche als die eigentliche dritte Schaffensepoche der hebräischen Literatur zu bezeichnen. Sie sah der hebräischen Sprache und dem hebräischen Schrifttum Meister erstehen, deren Sprache an Kraft und Schönheit mifc der der Propheten wetteiferte. Ihr geistiges Gepräge und ihren unsterblichen Ruhm zugleich empfing diese Epoche von einer stattlichen Reihe zeitgenössischer hebräischer Dichter, &\e noch gegenwärtig im Zenith ihrer Schaffens-