Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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23 Gott ist einzig — dies ist der neue Gedanke mit dem der Monotheimus in die Welt tritt Dieser Gedanke erhebt Einspruch gegen alles sonstige Denken, das nur Einheit anerkennt, für die Einzigkeit aber eigentlich gar keine Verwendung zu haben scheint. Die Welt hat Einheit, aber diese besteht aus einer Unendlichkeit von Welten. Was konnte die Einzigkeit mehr bedeuten über das hinaus, was so schon in der Einheit gelegen ist? So steht es um die Welt: läßt sich dasselbe 'nun auch von Gott feststellen? Bedeutet die Einheit Gottes etwa nur, daß die Vielheit der Götter vielmehr eine Einheit bildet? Schon an dieser Frage sieht man, daß die Einheit für den Monotheismus nicht genügen kann: Gott muß der Einzige werden. Indessen scheint damit eine Paradoxie für den Monotheismus unausweichlich. Was bedeutet diese Einzigkeit Gottes? Mit der Welt soll Gott keine Einheit bilden. Seine Einzigkeit scheint jedoch der Welt überhaupt alles Recht abzusprechen. Welches Recht? Offenbar das Recht, ein Inhalt des Denkens zu sein. Nur Gott'allein soll der richtige Inhalt des Denkens sein. Steht es denn aber wirklich so, daß der Monotheismus allem Denken der Natur gegenüber schlechthin Nihilismus wäre? Gehört vor allem in den Bereich der Natur nicht auch der Mensch? Und bedeutet etwa die Einzigkeit Gottes in jeglichem Sinne die Nichtigkeit des Menschen, wie die der ganzen Natur? Stände es so, so gäbe es freilich keine Ausflucht vor dem Pantheismus, und der Monotheismus müßte sich ihm unterwerfen. Wenn anders daher aber der Monotheismus sich behaupten darf gegen den Pantheismus, wenn anders Xenophanes mit seinem ersten Wort von dem Einen Gotte nicht zugleich das letzte Wort über Gott gesprochen haben soll, so muß die Einzigkeit Gottes eine andere Bedeutung haben als die nur negative: daß Gott allein der einzige Inhalt des Denkens sei. Die biblischen Quellen enthalten keine Spekulation über das Denken. Daß sie jedoch der Sinneswalirnehmung gegenüber das Denken suchen, in seinem echten Inhalt und Gegenstand es erspähen wollen, dies wird unverkennbar an demjenigen Gedanken, der nicht weniger ein Hauptorgan des Denkens ist als die bereits genannten Begriffe der Einheit und der Identität: nämlich am Begriffe des Seins. Xenophanes hatte die Einheit am« Kosmos erdacht, sie aber auf den Einen Gott übertragen. Da kam Parmenides und hielt die Einheit fest am Kosmos, den er aber nicht mehr in Gott verwandelte; den er vielmehr umschuf in den andern Grundbegriff des Denkens: in den des Seins. Fortan ist nicht mehr der Kosmos das Problem der Philosophie, sondern das Sein. Sein und Denken werden nunmehr die WechselbegriiTe der philosophischen Spekulation. Es ist wiederum nur als ein Wunder zu begreifen, daß das monotheistische Urdenken der Bibel, welches mit dem Denken selbst nicht operiert, dennoch das Sein sich zum Problem setzt. Kann dies aber etwa bezweifelt werden, da ja doch der neue Gott mit keinem andern Ausdruck bezeichnet wird als mit dem des Seins? Als Mose bei der ersten Offenbarung Gottes an ihn am Dornbüsche die Frage stellte: „Wenn die Kinder Israels mich fragen, wer ist der