Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Franz Werfel
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 stünden entzünden, sondern diese in sich hineinreißen; liebend, mit Mitleid und Verstehen. Damm kann der Dichter sich nicht begnügen, den Menschen gewonnen zu haben, da er ihn sah und liebte; er muß auch von ihm wissen: „Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein." . Welt-Freundschaft ist ja Wojt-Wißsen, der geometrische Ort aller Erfahrungen des Daseins. „So gehöre ich Dir und Allen! Wolle mir, bitte, nicht widerstehen! 0, könnte es einmal geschehen, daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!44 Auch die sanften und einsam-traurigen Kindheitserinnerungen werden von der Welt- Freundschaft betroffen, als still behüteter Nebenarm des großon Wissens um das Menschen-All. Selbst die Vorstellung des Sterbens wird noch von dieser Empfindung getragen: „Und meine Seele fällt ein: Du bist auf der Welt! Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten/' Das Gedichtbuch „Wir sind44 (1913) zeigt insofern einen Fortschritt des Dichters, als die Welt härter und bewußter auf das Ich bezogen wird. Die Welt als „Wir44 bindet die Leidenschaften an ihre psychologischen Quellen und läßt sie ausströmen in die weiten Mündungen des Schicksals. Das Erlebnis entdeckt die häufige Getrenntheit von Leben und Welt; das Lieben wird begrenzt durch Zeit und die Situationen der Seele; das Ich sieht sich vereinsamt, nicht durch eigenen Entschluß, sondern durch fremdes Gesetz und Schicksal, die aber ertragen werden müssen, damit das Ich noch im Wir .verbleibe. So erwacht das Bewußtsein der Schuld; denn das Wir verteilt seine Last über die Ichs: „Und eh* noch unsere Zeit beginnt, werden wir schuldig* daß wir sind.44 Das Getrenntsein der Welt bedroht auch das Ich des Dichters. Ist dem Weltfreund die Einheit von Erde und Leben sicherer Besitz durch das Wissen um die Totalität der Gefühle, so trennt die Schuld die Menschen; das Leben bleibt eine Summe von Beziehungen, ein Einander. War aber Welt Erlebnis dadurch, daß sich in ihr die Fülle des Gefühls-Daseins offenbarte, so muß auch ihr Schicksal und ihre Schuld das Ich ergreifen. Der Weltfreund zieht die Konsequenzen seines hingebenden Rausches; der tragische Mensch beginnt. Das Euch „Einander14 (1915) ist der Hymnus des tragischen Menschen. Die Erlösung besteht in Gott, dessen Verwirklichung wieder die Menschen sind. „Nicht die Sonne ist Licht, erst im Merischengeist wird das Licht als Lächeln geboren.44 Nur im menschlichen Atem entsteht Gottes Hauch, nur im menschlichen Schreiten der Weg zur Freiheit: „Die Welt fängt im Menschen an.44 Der Menschen-Gott sieht die Schuld der Menschen-Welt; er muß jedem Hilfe bringen, der diese Welt ist; denn sonst ist sie zerschlagen und es bleibt nur das. heillose Allein des zerrissenen Ichs: Ja, wer niederfährt zu diesem Stand, Wo das Einsame sich teilt und spaltet . . . Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand, Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.