Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Franz Werfel
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Franz Werfel hat nicht jene georgesche Feierlichkeit der Sprache, die nicht Welt bedeutet, sondern die in Form verwandelte Welt ist. Poch ebenso fem liegt ihm auch bloßer Impressionismus: das glaubenslose Nachzeichnen von Verhaltungsweisen; das Eindringen jedes Zufalls in das Ich; das kritiklose Erleben. Denn auch für Werfel bedeutet Welt ein Wesen: doch weder das in sich beruhigte Sein noch die Summe psychischer und optischer Reize; vielmehr: menschliches Leben; Körperlichkeit und Leidenschaft der Erde; Lust, Leid und alle Problematik des Ichs. Seiner Gefühle Objekt ist weder der Kosmos noch die nur triebhafte Natur, sondern: die Menschlichkeit in all der Fülle und Buntheit ihrer Motive und Sensationen. Gefühle dieser Menschenwelt gegenüber sind aber auch Entscheidungen. Es geht nicht an, sich mit den sachlichen Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt zu begnügen. Wir müssen Stellung nehmen, unser Gefühl verstürken durch ein Ja oder Nein. Denn Werfel ist kein \ en.iickter, den Weite und Dichte der Welt mystisch berauschen. Er ist nicht der jubilierende Betrachter der irdischen Substanz, für den viele ihn halten. Er ist selbst vor allem ein Mensch: dem die Bewegungen der Erde im Blute liegen und der die Ereignisse spürt: nicht durch Einfühlung, sondern durch die Universalität des Seins, dessen Gefäß er ist. Daher ist er der menschlichste Dichter dieser Zeit, wobei der Doppelsinn des Wortes Absicht ist: als ein Künstler, der die menschlichen Leidenschaften besitzt und sich, gleichzeitig zu ihnen als der objektiven Welt entscheidet. In dem Masse, wie eine Leidenschaft ihn beherrscht, ist sie für ihn auch das Wesen der Menschenwelt. Die Intensität seines Erlebens formt die Extensität der Erde. Es ist daher begreiflich, daß die drei Gedichtbücher Weilels die Welt verschieden akzentuieren, daß in ihnen die menschliche Problematik nicht nebensondern nacheinander besteht, daß sie „drei Reiche" Bind. Es wäre aber ein großer Irrtum zu glauben, daß der Dichter in diesen Reichen absolutistisch regiere. Seine Gegenstände sind ihm nur Untertan, soweit sie ihm gleichen. Es gibt für Werfel gegenüber der Welt weder Vereinigung noch Trennung. Es gibt nur das ursprüngliche Welt-Sein, das aber infolge der besonderen Artung des Ichs nicht ein umrißloser Pantheismus ist, sondern in bestimmten und fortschreitenden Gefühlen sichtbar wird. II. „Der Weltfreund" *) (1911) ist das glühende Ja zu der Fülle der menschlichen Erde. Trotz realistischer Bilder und Wendungen lebt diese Freude nicht von den Gegenstünden des äusseren Daseins, den Dingen des Tages. Sie sind ja mehr als Einzelheiten, sie sind Welt: Musik der Leidenschaften; reiches Orchester des Gefühls. Das ist das Neue der Werfeischen Dichtung: daß die Gefühle sich nicht an Gegenl) Sämtliche Bücher Werfeis sind im Verlage Kurt WolSf in Leipzig erschienen. "