Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Franz Werfel
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 Der tragische Mensch schreit: nicht aus den Depressionen seiner privaten Tage, sondern aus der Entzweiung der Menschen-Welt. Mit ihr zerbricht auch die Einheit des Ichs: Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer! Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei. 11L In diesen (letzten) Versen der Entzweiung spricht stärker als in allen anderen der jüdische Dichter. Die Zerrissenheit des Ichs, nicht als Ergebnis des individuellen Lebens, sondern als-Schicksal: sie ist der besondere Schmerz des Juden und seine besondere Erkenntnis. Deswegen betet er täglich die Psalm-Worte: „Mache unser Gemüt zu einem in . sich einigen, einheitlichen." Werfel erlebt die jüdische Problematik als starken Bruchteil in der Problematik der Welt. Er kennt die Unhaltbarkeit der heutigen Situation, in der der Jude zwischen seinem Ursprung und einer schwankenden Ferne grotesk und witzig balanciert. Er fordert das redliche Bekenntnis zur eigenen Art: „Das innere und äußere Be-' kenntnis zu der Kristallisation, die wir sind, zu der rhythmischen Geschlossenheit, die wir vorstellen, ist die erste Forderung zur Besiegung der Hysterie, zu der wir verurteilt sind. Lieben kann nur, wer in «seinen Grenzen fest ist . . . Das Jüdische in uns ans Licht bringen und bejahen, ohne die Gewaltsamkeit der Refugial-Hysterien der Nach-Ghetto-Jahrhunderte, das ist die minimalistäsehe Forderung zur Gesundung des jüdischen Wesens, die Rettung von der Verwortung *zur Verweltung, die einzige Möglichkeit, das Abstrakt-Vieldeutige zu verlieren und Natur zu gewinnen.4'2) Jch bin es" <||^inst passierte ein Jünger des Magid Rabbi Bez au! seiner Rück- SiiSM reise von Mizricz die kleine Stadt Karlin, wo sein Freund Rabbi 'öiSSl Aron wohnte. Es war gerade um Mitternacht, und der Jünger hatte das Verlangen zu hören, wie der Kärliner die Klage um Jerusalem verrichtete. Er begab sich daher in der stockfinstern Nacht zur Wohnung des Rabbis und pochte ans Fenster mit den Worten: „Aron, Aron, öffne mir1'. Der Karliner aber, in die heiligen Bücher sehr verlieft, stand nicht auf, sondern fragte: „Wer bist du?" Sein Freund erwiderte: „Ich bin es", denn er dachte, Rabbi Aron werde ihn an «einer Stimme erkennen. Rabbi Aron schwieg jedoch, öffnete nicht l) Aus einem Brief Werfeis an den Verfasser.