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Neue jüdische Monatshefte · 1917-10-10 · Heft 1 (10.10.1917) · p. Seite 16

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 1 (10.10.1917)
Article
Über die Prophetie [Rezension]
Date
1917-10-10
Page
Seite 16 (sequence 12)
Language
German
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16 manns Auffassung der moralpsychologischen Bedeutung Ezechiels (S. 44 bis 51), da wir diese Auffassung nicht teilen. Ezechiel will nur immer die letzte Tat gewertet wissen: Wenn der bisher Fromme schlecht handelt, wird seine frühere Frömmigkeit ausgelöscht; wenn der Frevler gut handelt^ wird seines Frevels nicht mehr gedacht, Es gibt für ihn also keine einheitliche Persönlichkeit, aus der die sittlichen Handlungen hervorquellen. „Vielmehr setzt der Charakter die sittliche Tat voraus und hat nur soweit Realitätswert> als die sittliche Handlung reicht/4 (S. 47.) Kellermann hält diese Anschauung für einen gewaltigen Fortsehritt zu einer individuellen Ethik; uns erscheint sie als sehr zweischneidig. Sie „atomisiert" die Persönlichkeit völlig. Aber die sittliche Persönlichkeit, die hinter und über der einzelnen Handlung steht, muß und wird immer die Grundlage jeder gesunden Ethik bleiben. Ezechiels Anschauung führt leicht (und hat geführt!) zu Überschätzung und rechnender Verwertung der einzelnen Handlung (W.erkheiligkeit), ebenso aber auch zu dem gefährlichen, später in der christlichen Kirche überwuchernden Gedanken, daß diese Auslöschung alles Vorhergegangene ja immer wieder durch Buße, Reue und Beichte zu erreichen sei. Demgegenüber erscheint uns das Streben der großen Propheten nach „Reinigimg des Herzens" d. h. Versittlichung der Persönlichkeit als der rechte Weg der Ethik. Solche kleineren Abweichungen können aber das Gesamturteil nicht verändern: Kellermann hat in. vorbildlicher Weise eine systematische Zusammenfassung und philosophische Wertung der Grundideen der Prophetie gegeben. Dabei ist seine Polemik nicht nur vornehm, sondern überhaupt frei von jedem persönlichen Moment, bei aller sachlichen Schärfe, und nur auf das Geistige gerichtet. Möchte solche Bearbeitung der Einzelprobleme bald Nachfolger finden! Nach dieser Überschau der neuesten Literatur über das Propheteutum seien noch kurz einige Gesichtspunkte für die weitere Forschung auf diesem' Gebiete gegeben. Eine wichtige Tatsache ist, daß die klassische Prophetie, die allein weltgeschichtliche Bedeutung gewonnen hat, sich nur über etwa zwei Jahrhunderte erstreckt: von Arnos (um 750) bis Deutero-Jesaia (um 540). Es ist hier nicht anders wie bei der klassischen Literatur der Griechen. Vielleicht hatte die klassische Prophetie Vorläufer, wie sie Nachzügler hatte; aber wir können nur über das urteilen, was wir besitzen. Eine weitere, bisher nicht gewürdigte Tatsache ist, daß alle g roßcnProphetenJud iL er waren. Nur das Judilertum hat sich hier schöpferisch erwiesen. Auch der Benjaminit Jeremia fühlt sich ganz als Judäer und muß zu diesen gerechnet werden; ebenso Hosea,. der sein engster Landsmann war3). Das ist deswegen wichtig, weil dieser südliche Zweig der Hebräer, der erst zu Davids Zeit in die volle Seßhaftigkeit einrückte, überhaupt, auch im Kultus, nur sehr wenig 3) Der Versuch von Hans Schmidt (in dem oben erwähnten Buch), Arnos Aordisraeliten zu stempeln, muß als mißglückt bezeichnet werden.

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