Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Über die Prophetie [Rezension]
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 17 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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17 von Kanaanäischem beeinflußt worden ist. Schon deshalb ist es nicht angängig-, die Prophetie (wie Hölscher tut) von der kanaanäisehen Mantik herzuleiten. Dafür haben die Judäer durch die Leviten, Rekabiten, Kaiibbiter, Keniter und andere Wüstenstämme noch spät urwüchsige und großzügige Anschauungen, in sich aufgenommen und zur Einheit gebracht. Ein tieferes Eindringen aber in das Wesen der Prophetie wird kaum von der Geschichte her, auch nicht aus der vergleichenden Religionsgeschichte, zxi erreichen sein, sondern nur durch psychologische Vertiefung in die einzelnen Propheten. Was in der Seele des Propheten vorgeht, daß er sich unterfängt, sein Wort als das Wort Gottes zu bezeichnen, das gilt es zu erforschen. Hölschers Grundgedanke war also sachlich richtig, aber seine Durchführung methodisch falsch. Wir müssen den inneren Stimmen lauschen, denen die Propheten gelauscht haben, Dann wird sich zeigen, daß Form, Inhalt und Verbindung ihrer Gedanken unlösbar miteinander verknüpft sind; daß die Art ihres Schaffens dieselbe ist wie beim genialen Schaffen überhaupt; daß Brüder ihres Geistes in anderem Gewände auch zu anderen Zeiten und bei anderen Völkern bis in unsere Tage aufgetreten sind: daß aber diese jüdische Prophetie, die durch ihre Größe, Wucht und Geschlossenheit eine Welt erobert hat, den lautersten Spiegel des jüdischen Geistes bietet: des übermächtigen Triebes zur Sittlichkeit und des rastlosen Ringens um die göttliche Gerechtigkeit auf Erden. Franz Werfel Von Dr. Rudolf Kayser, Berlin I. ie letzte Stufe in der Geschichte der deutschen Lyrik ist Stefan George. Er gibt nicht mehr Referate über zufällige Erlebnisse und Gefühle, sondern den Kosmos als festliches Sprachgebilde; kein anderes Erlebnis wird verraten als das umfassende der Welt. In den Jüngeren braust eine wildere und politische Musik. Für sie erschöpft sich die Wesenhaftigkeit der Welt nicht mehr in reiner Form, sei sie auch noch so sakral. Sie ist vielmehr in der lebendigen Menschenwelt; nicht aber als Reiz und Erschütterung, sondern in der Hingabe an den Geist als dem Zweck der Erde. Franz Werfel war der erste und bis heute hinreißendste Sänger dieser neuen Gesinnung. Er stürmt dahin in der Besessenheit seines Menschentums; der Rhythmus seiner Verse ist der seines Bluts. Er ist daher auch der einzige Dichter unserer Zeit, der völlig die Tragikomödie des Literaten überwunden hat: die Welt als Vorwand nehmen zu müssen für die eigene Besonderheit.