Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Über die Prophetie [Rezension]
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 14 (sequence 10)
- Language
- German
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14 Jahwe-Lieder ist rein universalistisch (wir werden auf dieses Problem noch im folgenden zurückkommen). Seine „nationalo" Färbung bekommt er nur dadurch, daß die Propheten ihrem Volk die Rolle des Gottesvolkes zuschieben; aber nicht als Tatsache, sondern als Aufgabe, nicht als gnadenvolle Auserwählung, sondern als lastende Verpflichtung (s. bes. Arnos 3,2). Mit vollem Recht betont Gunkel (S. 90 unten) den fundamentalen Unterschied zwischen jüdischer Prophetenreligion und Christentum: Der Grundbegriff des Judentums ist sittliche Freiheit und sittliche Tat, der Grundbegriff des Christentums ist Gnadenwahl und Erlösung. Was Gunkel im Anschluß daran über die sittliche Leitung des Volkes durch die Propheten sagt, wäre geeignet gewesen, den ganzen zweiten Abschnitt zu ersetzen. Der Bedeutung der Prophetie als kulturgeschichtliches Phänomen wird er durchaus gerecht. Ein letztes Kapitel „Schriftstellerei und Formensprache der Propheten" enthält viele feine Bemerkungen. Hier ist der feinsinnige Bearbeiter der biblischen Sagen und Märchen auf einem Gebiet, für das er eine besondere Sachverständigkeit mitbringt. Zu bedauern ist nur, daß er hier bei der schriftstellerischen Charakteristik Jeremias durch dne unzureichende textkritische Sichtung des Stoffes (die nur im Anschluß an Duhms Arbeiten zu gewinnen ist) sich die Erfassung gerade . dieser gewaltigsten dichterischen Persönlichkeit unmöglich gemacht hat. Der jüdische Leser wird sich vielleicht schon verwundert gefragt haben: Gibt es denn gar keine ernsten jüdischen Arbeiten, die auf diesem doch so eminent jüdischen Gebiete der Forschung genannt zu werden verdienen? Es ist beschämend, daß man sagen muß: jüdische Arbeiten von wissenschaftlichem Range gibt es in der Tat in der Bibelforschung und insbesondere in der Prophetenforschung recht wenige. Das meiste, was sie zu der umfangreichen Literatur beisteuern, kommt nicht über rhetorische Apologetik oder dogmatische Polemik hinaus. Um so freudiger ist es zu begrüßen, daß vor kurzem eine jüdische Arbeit über den sittlichen Inhalt der Prophetie erschienen ist, die nach Methode, Inhalt und Stil auch den höchsten Anforderungen des historisch und philosophisch Denkenden Genüge leistet. Es ist die kleine Schrift von Benzion. Kollormann: „Der ethische Monotheismus der Propheten und seine soziologische Würdigung" (0. A. Schwetschke u. Sohn, Berlin 1917; 71 S.). Auf jeder Seite tritt die gründliche pl lIo- •sophische, insbesondere logische Schulung des Verfassers hervor, und ebenso bemerkt der Kenner die völlige Vertrautheit Kellermanns mit der modernen Bibelforschung, obwohl Bemerkungen hierüber nur gelegentlich in einigen Anmerkungen nebenherlaufen. Die Schrift ist, -weil sie sich einer strengen philosophischen Terminologie bedient, nicht ganz leicht zu verstehen, aber sie schöpft ihren Gegenstand bis in die Tiefe aus, Äußerlich geht Kellermann von dem Widerspruch gegen eine Abhandlung von Ernst Troeltsch (im „Logos", Bd. VI, Heft 1) aus, die eine im ganzen sehr absprechende Wertung des Prophetismus und seiner Ethik gibt, beide für durchaus sozial und national gebunden