Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Über die Prophetie [Rezension]
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 12 (sequence 8)
- Language
- German
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12 schlichtere, aber viel tiefere, gemütsreichere und einheitlichere Jeremia der größte der Propheten ist. Auch als Dicher ist er unstreitig der erste, wenn man, wie Duhm es in bahnbrechender Weise getan hat, seine Gedichte von allem späteren Beiwerk der Ergänzer stabert. Stücke wie Jer. 4,23—26; 9,9; 9,19—21; 13,15—18; 31,14—20 haben nicht ihresgleichen in der Bibel an dichterischer Schönheit, und 20,7—9;14—18 an ergreifender Tragik. Recht geben muß man Duhm auch in allem Wesentlichen bei der völligen Ablehnung, die er Ezechiel widerfahren läßt. Dieser Mann ist zweifellos zu unrecht unter die großen Propheten gekommen. In manchem anderen kann man, wie es bei einem so umfangreichen Werke nur natürlich ist, gegen Duhms Darstellung Einwendungen erheben. Seine Stellung zur Frage der „Weissagung" ist nicht klar dargelegt; hier sind noch neue Erkenntnisse zu holen. An einer Stelle (S. 278) verwundert sich Duhm, daß Jerent'a eine doppelte Weissagung gibt, während doch das Geschehen nur eiLieutig sein kann. Aber eine eindringende Untersuchung zeigt, daß dies nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist! Aus einzelnen Stellen geh;- Duhms Meinung hervor, daß dem Propheten die Gabe verliehen ist, in den Tat Zukünftiges vorauszusehen; auch hier muß ich einen Zweifel äußern, der auf kritischer Durchforschung des gegebenen Materials beruht. Es ist schon gesagt worden, daß Duhms Buch durch eine engere Spannung des Rahmens wohl noch gewonnen hätte. Der erste Teil, der die älteste Zeit behandelt (S. 13—88), gibt bei der Unsicherheit der Grundlagen mehr eine Geschichtskonstruktion als eine Geschieh tsdärstellung und trägt zum Verständnis der eigentlichen Prophctie kaum etwas bei. Ebenso ist der letzte Teil (S. 319—464) mit geringen Ausnahmen Erscheinungen des biblischen Schrifttums gewidmet, die man nur in sehr bedingter Weise der Prophetie zurechnen kann. Geht doch Duhm so weit, hier auch das Buch Hiob zu besprechen. Freilich ist diese Besprechung selbst, ebenso wie die der Lieder vom „Knecht Gottes" (die der klassischen Prophetie noch zugehören) einer der Höhepunkte in Duhms Buch. Aber alles in allem: Duhms Buch ist ein hervorragendes Werk. Obwohl er keine systematische Zusammenfassung seiner Anschauungen über die Prophetie gibt, erfahren wir doch eine Fülle von Bereicherung unserer Kenntnis über diese große Erscheinung. Wir hoffen und wünschen, daß sich Duhm noch entschließen möge, eine solche abschließende prinzipielle Darstellung zu geben. Auf einen solchen allgemeinen Überblick über die Prophetie ist ein kleines, populär gehaltenes Werk von Hermann Gunkel angelegt (..Die Propheten". Göttingen, Yandenhoek u. Ruprecht 1917. 145 S.). Gleich das erste Kapitel „Die geheimen Erfahrungen der ^Propheten" geht auf die schwierigste Kernfrage, das Wesen der prophetischen Inspiration, los. Aber beeinflußt vielleicht von den Anschauungen Hölschers glaubt auch 'Gunkel in der Ekstase der ältesten „Propheten"