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Neue jüdische Monatshefte · 1917-10-10 · Heft 1 (10.10.1917) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 1 (10.10.1917)
Article
Antisemitismus
Date
1917-10-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 stolzen freien Vollbürgers zu fordern? Nicht jedem steift, leider, die Ungerechtigkeit das Rückgrat, manchem bricht sie es; nicht jeden stachelt sie zum edlen Ehrgeiz der sittlichen und beruflichen Höchstleistung, manchen macht sie .auch zum Halunken. Wir sind ja doch nur Menschen! Was dem Baum Sonne und Wind, ist dem Menschen seine Ehre! Ihr habt sie, uns geweigert, und jetzt scheltet ihr, daß einige von uns krüppeln? Was oben gesündigt und zugelassen wurde, hat sich nach unten tausendfach durchgesetzt. Auch das ist ein sozialpsychologisches Hauptgesetz, daß ein Volk in seiner ganzen Masse, trotz aller Gegensätze der Klassen, die äußere Lebenshaltung der Oberklasse in Kleidung, Benehmen und Ausdruck nachahmt. Natürlich plumper und gröber! Der Reseryc-Offizier, vor allem der junge, der von der Schulbank weg zum Heere , eilte, der noch keine Erfahrungen aus dem bürgerlichen Leben mitbrachte, der oft schon als Knabe der gleichen allmilchtigen Suggestion der Oberklasse verfallen war, ahmt in allem sein Vorbild, den aktiven Offizier, nach (hat auch gar kein anderes Modell und Muster) und daher auch in der Weise, vom und zum Juden zu sprechen. Und von da geht es zum Unteroffizier und zum Mann, im immer gröberen Milieu immer mehr vergröbert und verplumpt. Sind es beim wohlerzogenen aktiven Offizier kaum mehr als Abschattungen des Tones und der Behandlung, dio freilich gerade die besterzogenen unserer Jungen besonders hart und schmerzlich verwunden, so hält der junge Reserve- Offizier Miene und Zunge weniger sorgfältig im Zaume, und bei den Unteroffizieren ist oft genug von Zaum und Zügel kaum noch die Rede. So langer Krieg macht nicht sanft und höflich, und wir verlangen gewiß nichts Übermenschliches und wollen nicht jede Entgleisung und jedes schnelle Wort tragisch nehmen: aber das muß einmal in allem Ernst gesagt werden, daß unsere Jungen draußen oft seelisch schwer leiden, und daß es manchem Vater, der den seinen hergeben mußte, den Schmerz vergiftet und den Stolz vergällt, wenn er an gewisse Dinge denkt oder andere hört. Wir sind eben doch auch nur Menschen! Nur andeuten darf man heute, was diese antisemitische Stimmung gegen dio Juden des Oötens gesündigt hat. Das ist ein langes Kapitel Und kein erfreuliches. Gewiß: so langer und harter Krieg macht nicht sanft und höflich; gewiß: fremde Art ist nicht leicht verständlich, und CUese Art nicht besonders ansprechend, zumal gerade der Dialekt reizt, der deutsch und doch kein deutsch ist; gewiß: der Jude des Ostens hat auch die deutsche Art nicht gleich verstanden und hat oft angestoßen, weil er nur an den Russen gewöhnt war, dessen Ehrbegriffe wesentlich — anders sind als die des deutschen Offiziers und Beamten; gewiß: es war oft harte Notwendigkeit, die dazu zwang, die Bevölkerung des eroberten Gebietes in ihrer Bewegung einzuschränken, auf schmälste Kost zu setzen, zu Zwangsarbeit heranzuziehen: aber oft hat es auch an allem guten Willen gefehlt, an Gerechtigkeit und — Menschlichkeit, und vieles, was geschehen ist, wird Deutschlands Rechnung auf Jahre hinaus schwer belasten.

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