Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Antisemitismus
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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bis zum äußersten um ihre Stellung und hat dabei — das ist das sozialpsychologische Grundgesetz! — das beste Gewissen von der Welt. Sie ist schlechterdings nicht imstande, andere verstandesmäßige Vorstellungen, und sittliche Wertungen aufzunehmen oder auch nur bei anderen zu verstehen, als die, die das Gruppeninteresse verteidigen. Das wußte der Soziologe, und dennoch litt der Mensch in mir, als nach einem Vortrage, in dem ich Ludwig Franks gedacht hatte, eines der edelsten Opfer dieses Krieges, auch Eines, der mit vollem Bewußtsein für sein Deutschtum und sein Judentum gleichmäßig in den Tod gegangen war, des ersten Reichstagsmitglieds, das geblieben war, — als damals die antisemitische Presse hohnvoll über mich herfiel: „Macht euch keine Hoffnung, ihr seid und bleibt die Pariahs Deutschlands/' Das war noch in den ersten Kriegswochen. Schon damals stand unser alter Todfeind auf der Wacht, und seitdem, trotz allem Blut, was floß, trotz aller gemeinsamen Trauer und Not, ist er nicht müde geworden, sein Gift in alle Ohren zu träufeln, und hat leider auch dort Erfolge gehabt, wo staatsmännischc Weisheit und Gerechtigkeit hätten gegen eingewurzelte Vorurteile die Oberhand behalten müssen. Wir haben die Statistik über die Juden in der Etappe und den Kriegsämtern nicht vergessen, der der Reichstag zustimmen zu müssen glaubte, um einer bösen Legende ein Ende zu machen, und von der es dann so still wurde, oiTenbar weil das erwartete Ergebnis nicht herauskam — oder weil man sich doch vor dem Auslande schämte? Wir haben nicht vergessen und werden nicht vergessen, daß das Preußische Ministerium des Innern seine hergebrachte Judenpolitik nicht um ein Haar änderte; es hat nach wie vor auch denjenigen ausländischen Juden die Naturalisation verweigert, deren Söhne im Heeresdienste stehen, und wir kennen wenigstens einen Fall, wo der Vater, ein seit Jahrzehnten in Deutschland wohnender Mann vom besten Rufe, noch immer nicht das deutsche Bürgerrecht erhalten konnte, obgleich sein Sohn, m it de m eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt, v o r d e m Feinde geblieben ist. Und wir haben nicht vergessen und werden nicht vergessen, daß von gewissen hohen militärischen Stellen der ausdrückliche Befehl ergangen ist, nicht etwa die sämtlichen in Etappen und Garnisonen befindlichen Mannschaften, sondern nur die J u den aufs schärfste nachzumustern, und so der ganzen Gemeinschaft das'Stigma des Drüekebergertums aufzuprägen versuchte. Gewiß gibt es auch jüdische Drückeberger: gibt es keine nichtjüdischen? Gewiß gibt es auch jüdische Kriegsspekulanten und Schieber: gibt es nur jüdische? Es sollte uns nicht einmal wundern, wenn es so viele, ja, wenn es ein paar mehr gäbe, als der Beteiligung der Juden am kaufmännischen Stande entspricht. Wer hat sie in den Handel hineingepreßt, weil ihnen kaum ein anderer Weg zum Aufstieg frei blieb? Wer hat im Anfang des Krieges zum Schaden des Reiches den legitimen, alteingesessenen soliden Handel mit einem Schlage fast ausgeschaltet, brotlos gemacht und dadurch viele gezwungen, auf krummen Wegen zu gehen? Wer hat sie zu Pariahs herabgedrückt und hat jetzt die Kühnheit, von ihnen, von allen, die Handlungsweise des