Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 701 (sequence 3)
- Language
- German
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701 dem biblischen Opfertage des Hohenpriesters mit der wunderbarer* Konsequenz des monotheistischen Grundgedankens ihn geradezu geschaffen. Ein Tag der Versöhnung? Muß nicht das ganze Loben der Versöhnung gewidmet sein? Die Frage erledigt sich durch die Gegenfrage: eine Feier, ein Kultus des Gottesdienstes? Muß nicht das ganze Leben ein unaufhörlicher Gottesdienst sein? Darin aber eben besteht der Sinn des Kultus, der Sinn einer besonderen symbolischen Feier des Gottesdienstes: daß der Gottesdienst des gesamten Menschenlebens als der Sinn des Menschenlebens erkannt werde. Der Kultus ist das Symbol, das Muster des Symbols: welches dem ganzen Menschenleben den Spiegel vorhalten, sein Ideal errichten soll. Und was vom Kultus überhaupt gilt, das bringt zur vollendeten Darstellung der Versöhnungstag: der Tag, als Symbol der Zeitlichkeit überhaupt. Der Mensch ist zum Guten erschaffen, zur Her vorbringung und Entwicklung des Guten. Er ist nicht dein Schlechten verfallen, dem er in seiner Endlichkeit nicht entgehen kann. Er ist der Versöhnung mit Gott fällig, Er kann sie erlangen, wenn er sie sucht, mit der ganzen Kraft seines Wesens sucht. Diese Kraft des Menschonwesens hat der Jörn Kippur entbunden und großgezogen, und in ihm hat er die unerschöpfliche Kraft der jüdischen Religiosität erschaffen und lebendig erhalten. Der Mensch erstrebt die Versöhnung mit Gott: was kann er Höheres erstreben? Wenn anders die Identität mit Gott ein Widersinn ist, so bleibt die Versöhnung mit Gott das einzige Ziel des Menschen. Dabeiist die Versöhnung nichts anderes und nichts Geringeres als schlechthin die Erlös u n g des Menschen von den Widersprüchen seines Wesens. Sie ist daher mehr als nur Erlösung .von der Sünde, insofern sie nicht nur die vergangenen Sünden abschüttelt, sondern überhaupt die Überwindung der Sünde vollzieht, die Abscheidung des Schlechten im Menschen .von seinem Anteil am Guten. Die Versöhnung mit Gott ist die Erlösung des Menschen von der Sündhaftigkeit, als seiner angeblichen Natur. Sie erlöst ihn nicht von der Natur seiner Endlichkeit, nicht von seinem irdischen Schicksal, von seiner menschlichen Endlichkeit Solche Bedeutung der Erlösung fiele in die Abwege des Pantheismus. Die Erlösung, welche in der Versöhnung wurzelt, läßt dem Menschen unversehrt und unbeschönigt seinen Bestand in der irdischen Sinnlichkeit und Weltlichkeit. Die monotheistische Erlösung schnellt den Menschen nicht hinüber in ein Jenseits welches nur den Trost bedeuten könnte für sein unersetzliches Leiden; sie hebt ihn nicht über die geradlinige Fortsetzung seines irdischen Daseins hinweg. Sie erlöst ihn auch nicht vom irdischen Leben mit seinen Pflichten und Hoffnungen; sie erlöst ihn nur von dem Schein seines unauflöslichen Anteils am Schlechten, dem er nach seiner Endlichkeit nicht entrückt, aber auch nicht verfallen ist. Die Erlösung von dor Sünd'; ist nicht etwa Erlösung von der Menschlichkeit; sie ist nicht