Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 702 (sequence 4)
- Language
- German
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702 deren Aufhebung, sondern Versöhnung des Menschen mit Gott. Der Zwiespalt zwischen Mensch und Gott wird geschlichtet, wenngleich •nimmermehr in Identität aufgehoben. So ist der Tag der Versöhnung der Sonnentag der monotheistischen Menschheit. Der Mensch hat die Kraft, die Versöhnung mit Gott anzustreben. In dieser Kraft ist er Mensch, Und Gott hinwiederum hat den höchsten Sinn: diese Versöhnung mit dem Menschen zu gewährleisten. Demgemäß ist sein Wesen in der Versöhnung beschlossen, Liebe und Gerechtigkeit blieben ein Gegensatz in Gott, wenn dieser nicht durch die Versöhnung aufgehoben würde. Daher erklären sich die vielen Ausdrücke, welche unter den Eigenschaf ton Gottes die Liebe und Gnade, die Langmut und die Treue bilden: sie bezeichnen alle nur die Grundeigenschaft der Versöhnung. So stellt der Psalm „gut und verzeihend'1 zusammen. Was könnte die Güte Gottes auch anderes bedeuten als die Vergebung und die Versöhnung. Die großen Konsequenzen des Monotheismus aus diesem Wesen Gottes sind .unausweichlich. Die erste ist: Kein Anderer kann die Versöhnung bewirken als nur Gott allein. Er ist der Einzige, weil nur er allein die Versöhnung bewirken kann. Und ebenso ist die andere Konsequenz unausweichlich: Auch Gott kann mit seiner Gnade nur demjenigen Menschen die Versöhnung erwirken, der den Anteil am Guten anstrebt, und daher die Sünde als solche erkennt und sich von ihr loszureißen strebt. Ohne die sittliche Menschenarbeit der Buße könnte auch Gott nicht mich erlösen. Der einzige Gott hat mir den Anteil" am Guten gegeben. Ich muß daher vom Anteil am Bösen mich selbst lossprechen. Und endlich die dritte Konsequenz: Versöhnung und Erlösung bedeutet nicht die Befreiung vom menschlichen Dasein in seiner irdischen Endlichkeit; sonst würden beide zur Illusion. Indessen erwirken sie nicht Schattengebilde, sondern Ideale für die sittliche Lebensarbeit des sterblichen Menschen. Mit dem Tode und mit dem Jenseits hat die Erlösung nichts gemein; sie ist nicht Erlösung vom irdischen Leben, seinen Schmerzen und seinen Leiden, sondern allein von seinen Irrungen und Verfehlungen. Der Tag der Versöhnung folgt auf das Neujahr, welches der „Tag des Gerichts" ist, Und dieses Gericht ist nicht das jüngste, sondern das Weltgericht des irdischen Daseins, welches dieser Tag symbolisch darstellt für das alitägliche Gericht Gottes an den „Schöpfungen der Welten", wie es so schön in einem Hymnus dieses Tages heißt. Weltgericht, Versöhnung und Erlösung gehören zusammen, schließen sich zu Einem Begriffe zusammen, in welchem der absolute Monotliheismus im Judentum sich vollendet hat. Rabbi Akiba hat in der Mischna das große Wort gesprochen, welches noch keine Ethik < tibertroffen hat: „Heil Euch, Israel! Wer reinigt euch, undvorwe m r e i n i g t I h r s e 1 b s t e u c h! Es ist euer Vater im Himmel!"