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Neue jüdische Monatshefte · 1917-09-10 · Heft 23-24 (10.9.1917) · p. Seite 680

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 23-24 (10.9.1917)
Article
Zur Schulfrage der Ostjuden
Date
1917-09-10
Page
Seite 680 (sequence 10)
Language
German
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680 christlicher Judenfreund, .einmal von dem Hebräischen gesagt hat: „Immer noch steht es so, daß, wer des Hebräischen mächtig ist, keiner anderen Sprache bedürfte, um die jüdische Diaspora von Spanien bis Kaukasien, von England bis Innerarabien . . . zu durchwandern und sich in ihr verständlich zu machen", jlas gilt iri noch größerem Maße von dem „Jüdischen"; es wird nicht allein von der großen Mehrzahl aller Ostjuden von Polen bis hinein in die Tschuktsehcn-Halbinsel gesprochen, sondern ist auch in Amerika und Südafrika, in Syrien und Australien die Umgangssprache, die somit tatsächlich in der jüdischen Welt aller fünf Erdteile verbreitet ist und unter Anwendung der jüdischen Schrägschrift auch dem schriftlichen Verkehr dient. Eine nach mehr als einer Seite bemerkenswerte jüdisch-deutsche Literatur ist bereits seit dem 17. Jahrhundert bekannt, und wenn sie früher vorwiegend erbaulieh oder belletristisch gestimmt war, so hat sich in demselben Maße, wie von Westen her die Gedanken der großen Dichter und Philosophen — oft durch hebräische Übersetzungen — ihren Weg in das östliche Ghetto nahmen, ein reiches, eigentümliches jüdisches Biidungsschrifttum, die sogen. „Haskala" (Aufklärungsliteratur) entwickelt, die sowohl das jüdische, als auch das hebräische Sprachgefühl außerordentlich fortgebildet und bereichert hat. Die deutsch-jüdische Bildungsliteratur verbreitet heute längst nicht mehr bloß Übersetzungen aus der Geisteswerkstatt der Völker, sondern sie behandelt mit ihren Sprachmitteln auch selbständig die verwickelten Fragen des Geistes-$ Wirtschafts- und Gesellschaftslebens in Schrift und Vortrag. Sie hat in Führern wie Perez und Asch eine Poesie geschaffen, die den Außenstehenden zu seinem Erstaunen etwas ahnen läßt von dem Reichtum des Gemütslebens, der in der armseligen Ghettoluft herrscht. Sie hat insbesondere das Gebiet der Journalistik ausgebaut und in großen Tageszeitungen und kleinen Lokalblättchen, in wissenschaftlichen Zeitschriften und Jahrbüchern jüdische Interessen vertreten und belehrend und erziehend das Wissen der großen Welt in diese ostjüdische Welt einzuführen gewußt. Alle diese Geistes-, Lebens-, Schrift- und Sprachäußerungen sind Elemente einer noch im Fluß begriffenen eigentümlichen jüdischen Kultur, und man kann angesichts des Tatbestandes schwerlich mit einem Schein des Rechtes behaupten, daß dieses Gefäß des jüdisch-deutschen Geistos sich schon in der zweiten Generation durch Eingriffe, die von außen kommen, zerbrochen lasse, daß diese Volks- und Literatursprache keine Zukunft habe. Eine Politik der Würdigung und Berücksichtigung der deutschjüdischen Sprache würde den Lebensbedürfnissen des jüdischen Volkes, die in der Schulfrage durch die Sprachpflege des Jüdischen und des Hebräischen zum Ausdruck kommt, vollauf Rechnung tragen, wird dann aber vielleicht den Sprachreinlichkoitsbedürfnissen der Philologie und auch dem sauberen deutschen Denken, das nach geradegewachsenon Sprachformen verlangt, nicht vollauf Genüge geben; dafür aber würde durch solche eindeutige Schulpolitik in unseren östlichen Grenzbezirken mit Sicherheit ein Wertgut gewonnen und gepflegt,

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