Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Zur Schulfrage der Ostjuden
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 679 (sequence 9)
- Language
- German
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679 vom 6. August 1916 läßt den Weg zu einer sachgemäßen Würdigung noch offen, da man von „Bedürfnissen" für die jüdische Unterrichtssprache weiß; aber sollte je der vorhin gezeichnete Standpunkt ausgesprochen oder unausgesprochen hinter den jüdischen Schulmaßnahmen der deutschen Verwaltung gestanden haben, so würdo damit doch wohl in die ganze Beurteilung der ostjüdischen Sprach- und Schulverhältnisse etwas Fremdes hineingetragen, was die Freunde einer wahrhaft gesunden, organischen und darum zukunftsreichen deutschen Entwickclung im Osten nicht minder als die Vertreter der freiheitlichen Entfaltung der jüdischen Schule von innen heraus ferngehalten sehen möchten. Mit billigen und schneidigen Germanisierungstcndenzen, wio sie gelegentlich eine von wirklicher Sach-, Fach- und Volkskenntnis unberührte Presse in der Heimat entwickelt, wird das hier lagernde Problem eines „größeren Deutschland" wohl angerührt, aber seiner Lösung nicht um einen. Schritt nähergebracht. Stellt es wirklich so, daß das Jiddische eine Sprache ohne Zukunft ist, da schon das zweite kommende Geschlecht ein reines Deutsch reden werde, und daß es als ein bloßer Dialekt des Deutschen nicht die Unterrichtssprache bilden könne, weil der Unterricht nicht in der Mundart, sondern in der reinen Sprache erteilt werden müsse? Hören wir dazu das Urteil eines der berufensten Scmitiston und Orientalisten,'des Theologieprofessors Geh. Konsistorialrat D. Dr. H. Strack in Berlin. Er schreibt in dem jüngst von ihm herausgegebenen „Jüdischen Wörterbuch" (Leipzig, Hinrichs, 1910): „Das Jüdische, meist für ein verderbtes Deutsch gehalten, kann auf den Namen einer Sprache mindestens mit demselben Rechte Anspruch erheben wie das Englische; denn die deutsche Grundlage in ihr ist viel deutlicher als die germanische im Englischen. Allerdings ist dies deutsche Element mit zahlreichen hebräischen und, in neuerer Zeit, slawischen, besonders polnischen Bestandteilen durchsetzt; aber es fehlt keineswegs an festen sprachlichen Gesetzen und die Fähigkeit zu neuen Bildungen ist sehr groß." Noch naheliegender als ein Vergleich mit dem Englischen ist heute die Beziehung zu dem Flämischen (oder Holländischen). Die philologische Verwandtschaft mit dem Deutschen steht außer Zweifel, aber ebenso zweifellos ist es, daß die deutsche Verwaltung die flämische Sprache — um nicht zu.sagen den niederdeutschen Dialekt — nicht zu verdrängen beabsichtigt, sondern für durchaus schulfähig, ja sogar universitätsfähig hält. Sprachwissenschaftlich betrachtet dürfte also das Jüdisch-Deutsche nach seinem Wortschatz, seiner Lautbildungs- und Sprachlehre die Grundlagen in der hochdeutschen Sprache finden, aber völkerkundlich und sprachengeschichtlich betrachtet, ist es doch eine selbständige sprachliche Erscheinung, die Muttersprache von mehr als 6 Millionen Menschen, die von mehr als 10 Millionen — Trietsch *) rechnet 131/, Millionen — verstanden wird. Es hat sie deshalb jemand unter die Weltsprachen gerechnet, und was der verstorbene Professor Fr. Delitzsch, ciu *) „Deutsch als Weltsprache. Grundlagen und Ziele". Charlottenburg 1910.