Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Zur Schulfrage der Ostjuden
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 675 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908713-2910150--1081-2910190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
675 ligionsschulo — unbeschadet ihrer religiösen Grundlage, die unbedingt erhalten werden muß — zu einer Lebenschule, zu einem Bildungsträger und zu einein Fundament für die wirtschaftliche Daseinsmöglichkeifc werde; daß ferner die einfachsten Forderungen der Schulgesundheitslehre berücksichtigt und das Lehrperspnal für seine Aufgabe methodisch vorgebildet werden muß, diese Einsicht hat sich auch in den ostjüdischen Kreisen durchzusetzen begonnen. Es werden Reformgcsellschaften begründet, von verschiedenen Parteien Reform - Chedarim eingerichtet; sogar eine pädagogische Zeitschrift („Schule und Erziehung1') herausgegeben. Lange zwar hielten sich der geschichtliche Chedcr in seinem jede natürliche Entwicklung des Leibes und des Geistes hemmenden Zustand und der Kulturstand des Ostjudentums das Gleichgewicht, während sich in .Westeuropa diese alte Form der Judenschule unter dem Druck der beschleunigt fortschreitenden Entwicklung im Anfang des vorigen Jahrhunderts auflöste 3). Aber die neue, vor der Jahrhundertwende auch im Ostjudentum einsetzende große national-kulturelle Bewegung, die sich auf die geistigen Kräfte des Judentums besann und eine jüdisch-nationale Wiedergeburt anstrebte, forderte auch auf dem Gebiete des Schul- und Bildungswesen ihren Ausdruck; ihre schöpferische Triebkraft fand vielfach gerade in den neuen pädagogischen Reformgedanken eine Wesensergänzung. So gingen in dem Geistesleben des Ostens nationales und kulturelles Streben Hand in Hand, und wenn die breite Masse vielfach auch noch gar zu zäh in dem alten Erschlaffungszustand weiter beharrte, so waren doch die „Renaissancea-Gedanken da und wurden von begeisterten Aposteln in das Volk getragen. Zwei palästinische Schulmänner und Pioniere des Geistes, David Yellin und Isaak Epstein, hatten die „natürliche Methode" im hebräischen Sprachunterricht, die sogenannte „Ibrithbe-Ibrith" (hebräisch auf hebräisch) geschaffen und in hebräischen Zeitschriften und Lehrbüchern dargestellt. Und diese aus jüdischstem Geist und Heimatluft geborenen Bestrebungen und Bildungsmittel fanden im Ostjudentum Eingang und wirkten umwälzend und wiesen den tastenden Bestrebungen Richtung und Ziel. Nach der Methode der „neuen hebräischen Pädagogik" erlernen die kleinen Kinder, die oft schon vom 4. Jahre ab ins Cheder geschickt werden, die hebräische Sprache nicht mittelst Übersetzung und nur als tote, wenn auch „heilige" Sprache, sondern sie lernen sie mit Hilfe von Anschauungsbildern und Sprechübungen aus der Umwelt des Kindes als Unterrichts- und Umgangssprache. So wurden auch in Litauen und Westrußland, und dann in Polen, in den größeren Städten, neuhebräische Schulen begründet, die* unter dem Namen „Reforni-Cheder" (Cheder metukan) .bekanntgeworden sind. Durch sie sollte auch in den umgewandelten polnischen Reform- ») Vgl Prof. Hein?. Steinthals Erinnerungen: „Die jüdische Volksschule in Anhalt um 1830—1840* in der Sammlung: Juden und Judentum, Berlin 1006.