Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Zur Schulfrage der Ostjuden
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 674 (sequence 4)
- Language
- German
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674 wöhnlich unterschätzt werde; denn für die Religion sei das orthodoxe östliche Judentum ein unerschöpflicher und unersetzbarer Jungbrunnen1). Der „Cheder" ist seinem Wesen nach durchaus eine hebräische Schule; in ihm werden ausschließlich die hebräisch-religiösen Lehrfächer, die ja zugleich die nationalen sind, unterrichtet. Die Unterrichtssprache ist das Jüdische, jene eigentümliche Sprachmischung, die im Osfjen noch heute die allgemein gebräuchliche Umgangssprache ist. Weder das Unterrichtsprogramm, noch auch die Lehrer dieser Chederschüle, die sog. „Melamdim", bieten die Möglichkeit einer anderen Schulsprache. Tatsächlich besteht die altüberlieferte Schulform des Chedcrs innerhalb des nunmehr aufgehobenen jüdisch-russischen Ansiedlungsrayons wohl an jedem Orte mit jüdischer Bevölkerung, wie denn a.uch jede Gemeinde aus religiösen Gründen zu ihrer Unterhaltung verdichtet und ihr Bestand in einem ererbten moralischen Schulzwang verankert ist. Es werden gegenwärtig nach einem Warschauer Bericht dort etwa 13 500 jüdische Knaben in den orthodoxen Chedcrschulen unterrichtet, während unter den 26 636 Kindern der staatlichen Elementarschulen (Volksschulen) im Vorjahre nur 671 jüdische Knaben gegen 1528 Mädchen waren. In den jüdischen Mittelschulen befanden sich zu Anfang 1916 908 Knaben und 3963 Mädchen, in den christlichen 2127 jüdische Knaben und 1267 Mädchen 2). In Lodz bestanden 1914 18 jüdische Schulen mit 58 Abteilungen und 2980 Kindern; die entsprechenden Ziffern sind für 1915: 17, 57, 2920 und für 1916: 32, 144, 7400. An unseren Bildungs- und Erziehungsansprüchen gemessen, sind freilich diese Chedcrschulen im höchsten Grade reformbedürftig. Ich habe sie in den Judenkolonien Neu-Jerusalems geprüft und fand dort nur die Stickluft einer Unkultur, einer Enge und eines Buchstabendienstes, die einem buchstäblich und bildlich das Atmen erschwerten. Für einen .Lufthauch von moderner Bildung fand sich bei jenen ungeschulten, fanatischen Lehrpersonen auch nicht die Spur von Verständnis, und der siebenstündigtf Unterricht des Tages erschöpfte sich in dem Lesen, Auswendiglernen und Aufsagen des biblisch-talmudischen Schrifttums; an weltlichen Fertigkeiten wurde nur in der Mittagspause ein wenig Rechnen und Schreiben getrieben, Gewiß mag in dem jüdischen Jerusalem bei den dort hart miteinander ringenden Geistesmächten der Betrieb besonders eng und pharisäisch-formalistisch sein, aber nach Schilderungen, die Kenner der Verhältnisse in Deutschland veröffentlicht haben, sind manche Chederschuien auch im jüdischen Polen nicht viel besser. Und daß ein gründlicher Wandel in diesem Schulwesen nottut, daß sonderlich die weltlichen Lehrgegenständc in den Unterricht einbezogen werden müssen, damit die sogenannte Re- *) Dr.Dr. Wohlgemut „Das Bildungsproblem in der Ostjudenfrage'S Berlin 1916. a) Vgl. die Berichte der 19.16 in Warschau veranstalteten Schul Ausstellung.