Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Zur Schulfrage der Ostjuden
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 673 (sequence 3)
- Language
- German
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673 2. Es wird der Sclmldirektion anheimgestellt, einen Teil der neuen polnischen Schulen für solche jüdischen Kinder zu bestimmen, deren Muttersprache das Polnische ist. 3. In den jüdischen Schulen, die am Schlüsse des vorigen Schuljahres bereits bestanden haben, bleibt die Unterrichtssprache die deutsche; die Zahl dieser Schulen darf nicht verkleinert werden." Etwa gleichzeitig wurde verordnet, daß in deutschen und jüdischen Schulen die Schulakten in deutscher, in anderen Schulen in polnischer Sprache zu führen seien. Was den jüdischen Religionsunterricht betrifft, so wurde bestimmt, daß er das religiöse Gefühl zu wecken, die jüdische Tradition lebendig zu erhalten, Licbo zur jüdischen Vergangenheit zu pflegen und jüdische Eigenart und die geschichtliche Entwicklung zu berücksichtigen habe. Als Lehrgegenstände kommen in Betracht: Hebräisch, die Bibel und nachbiblischo Geschichte, Flüchtenlehre. Hebräisch und biblische Geschichte werden schon auf der Unterstufe gelehrt, die nachbiblischo und die Volksgeschichte sollen vornehmlich die Geistesheroen des Judentums berücksichtigen. Findet hier die bodenständig-heimatkundliche religiöse Bildung eine volle Würdigung, an der nur das Chedertum, vielleicht auch die gesamte streng gesetzestreue Richtung bemängeln könnte, daß der Talmud als ünterrichtsgegenstand weder genannt sei, noch bei der Fülle sonstiger Unterrichtsgegenstände einen Platz fände, daß damit also dem gesamten religiösen Bildungswesen die Grundlage fehle, so bedarf es für die Frage der Unterrichtssprache einer weiter ausholenden geistesgeschichtlichcn und volkspsychologischen Erörterung, um den Weg zu klaren Erkenntnissen zu bahnen.' 2. Die alte Judenschule und die Reformbestrebungen der „Renaissance" Die Frage nach der jüdischen Volkseshuie wird zu doktrinär, und nicht aus dem Leben heraus und in der Anknüpfung an geschichtlich Gewordenes und Gegebenes gestellt, wenn man es so ansieht, als handle es sich darum, ein jüdisches Schulwesen erst neu ins Leben zu rufen. Wohl kannto Rußland den Schulzwang nicht, aber getreu den Überlieferungen der Ahnen aus der Zeit des zweiten Tempels hat das russische Judentum sich aus eigener Kraft ein Schulwesen geschaffen und in .vielhundertjähriger Entwicklung bewahrt. Mag diese alt«» Judenschule, die mit der Zeit die Form des Chcders (der jüdischen Elementarschule) annahm, gut oder schlecht, fortschrittlich oder rückständig sein —, sie ist in dem Schul- und Bildungswesen der jüdischen Welt eine geschichtliche Erscheinung von unverkennbarer Eigenart; sie ist eine der ältesten Einrichtungen des jüdischen Volkes im allgemeinen, und in ihr schlug auch in Rußland das Herz des nationalen und religiösen Lebens; eifersüchtig wachte darum die jüdische Gemeinde über jedem Entfremdungsversuch. Noch heute urteilt ein den westlichen Kulturansprüchen voll aufgeschlossener gesetzestreuer Rabbiner, daß der Cheder in seinem Wert für allgemeine Bildung ge-