Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Zur Frage der staatlichen Anerkennung der jüdischen Nationalität in Österreich
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 670 (sequence 7)
- Language
- German
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670 als Umgangssprache im.täglichen Verkehr. Diese Begriffsrequisite sind auch nötig, um vom Staate die Anerkennung einer Sprache zu verlangen. Wie man sieht, paßt dies alles auf den jüdischen Volksstamm und auf die jüdische Sprache und doch hat das Reichsgericht einen anderen Weg eingeschlagen. Dies entspricht nämlich der Haltung der Regierung, von welcher Friedrich T e z n e r in seiner „Volksvertretung" mit Recht hervorhebt, daß sie sich während der ganzen konstitutionellen Epoche niemals durch staatsbürgerliche Grundsätze, sondern opportunistische Zwecke der stets schwankenden Politik leiten ließ. Um endlich den Boden des formalen Rechtes zu verlassen, müssen wir die sonst bekannte soziologische Binsenwahrheit wiederholen, daß die juristische Einsicht der Regierung schwerlich vom formalen Gesetz abhängig, vielmehr ein Ausfluß realor Tatsachen sein wird. Die gegenwärtige Schicksalswendung im großen Kriege ist eine derartige, daß die Regierung auch der jüdischen Minderheit aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit und aus wohlverstandenem Bedürfnisse — nach dem Kriege einen Zustand nationaler Ruhe zu schaffen — nicht jenes lange begehrte nationale Existenzminimum versagen wird. Nationalen Indifferentismus gibt es wohl heute nicht; diesen haben sowohl der Staat als auch die Kirche aufgegeben. In Galizien ist Konfession mit Nationalität derart verknüpft, daß es genügt, bloß die Konfession zu kennen, um gleichzeitig auch die Nationalität ermittelt zu haben. Die Aufteilung der Juden auf andere Nationen hat lediglich füf die leblose Statistik einen Wert, immer mehr werden Jedoch Stimmen laut, daß dieser Vorgang — abgesehen von seiner ethischen Seite «— sozial bedenklich sei, weil er einen Zustand der nationalen Labilität schafft. Was die kausalen Komponenten des jüdischen Nationalismus anlangt, so sind sie niemanden mehr fremd, im Kriege noch weniger als früher. Zugestandenermaßen wird nun allenthalben erklärt, daß die Juden eine besondere ethnische, kulturelle, sonach auch nationale Masse darstellen, welche nicht mehr schablonenhaft, auch nicht brutal behandelt werden kann. Die wichtigsten Elemente des jüdischen Nationalismus sind: 1. die nationalsoziale Religion; 2, das sorgfältig gepflegte Familienleben, welches Überläufer ausschließt; 3, gemeinsame Geschichte; 4. zum grüßtenTeii gemeinsame Sprache, wenigstens Verständnis der einzigen Volkssprache, der jüdischen Sprache (fälschlich und unkorrekt: „jiddische*6 genannt!); 5. die zum großen Teil dichte Ansiedlung und 6. die homogenen wirtschaftlichen Zustände. Alles zusammen schuf jenes starke s t a m m - liehe Bewußtsein, welches ein einigendes Band bildet und stärker und tiefer ist, als das nationale Bewußtsein bei anderen Nationen. Das alles sind bekannte Tatsachen, die nicht erst zu beweisen sind; es werden zwar Einschränkungen gemacht, der jüdische Nationalismus müsse verschwinden, die jüdische Nation sei eine geßchichtlose und dergleichen mehr, aber niemand leugnet die Existenz dieses lebenden nationalen Organismus. Es ist also zu hoffen, daß mit der Änderung der Anschauung der Regierung nach dem Kriege, welche nicht gewillt wird zuzulassen, daß die Juden verurteilt werden, soziale.