Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Polnisches Freiheitspatent - Jüdische Rechtlosigkeit
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 663 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908713-2910148--1064-2910178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
663 plötzlich und schnell zu ihresgleichen zu machen, sondern daß sie die armen, verelendeten jüdischen Massen in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Rückständigkeit erhalten und durch andauernden Druck schließlich zu völliger wirtschaftlicher und politischer Ohnmacht herabdrücken und, wenn möglich, zur Auswanderung zwingen möchten. Die von den galizischen Polen befolgte Politik, wonach die jüdischen Massen völlig polnischer Willkür preisgegeben und zum Spielball der Machthaber geworden sind, soll scheinbar auch auf Kongreßpolen übertragen werden. In ganz naiver und offener Weise wird das von Anhängern, z. B. der nationaldemokratischcn Richtung, ausgesprochen. Für den, der an das Gute in der Menschennatur glaubt, ist es tief beklagenswert, solche Ansiöhten von Persönlichkeiten äußern zu hören, die sich dabei ihres Unrechts nicht einmal bewußt sind, sondern mit der schon von den Alten gegeißelten anima libertina, kaum selbst schlimmster Bedrückung entronnen, nunmehr die rücksichtslose Bedrückung anderer aus Gründen des eigenen Vorteils, d. h. des Einrückens von Polen in die bis dahin von Juden gehaltenen wirtschaftlichen Positionen predigen. Wir können und wollen einstweilen nicht hoffen, daß diese unsere Befürchtungen zutreffen. Aber schon heute muß mit aller wünschenswerten Klarheit festgestellt werden, daß d i e bloße Z u e r t e i 1 u n g einer doch nur auf de m P a p i e r e verbleibenden Gleichberechtigung an die Juden Polens die entstehenden Zweifel nicht im geringsten entkräften könnte. Auch in Galizieu besteht diese staatsbürgerliche Gleichberechtigung" nach der allgemeinen Verfassungsur kundc. Sie hat einer Politik schlimmster Bedrückungen und wirtschaftlicher Verelendung keinen Abbruch getan. Es müssen dauerhaftere Garantion gegeben werden, wenn man an den wirklichen Wort von Versprechungen glauben soU. Die Befürchtungen nicht nur der deutschen Judenheit, sondern der Juden der ganzen Welt sind durch das polnische Vorgehen in den letzten Monaten wachgerufen worden. Wir erinnern nur daran, daß es bisher infolge des Widerstandes des Staatsrats der deutschen Verwaltung nicht einmal g e 1 u rrgen ist, die Aufhebung der russischen J u d e n g e s e t z g e b u n g in Polen durchzusetzen, obwohl diese Judengesetzgebung in Rußland selbst 1 ä n g s t g e f a 11 e n is t. In denjenigen eroberten Gebietsteilen, die lediglich deutscher Verwaltung unterstehen, d. h. im ganzen Gebiet des Oberbefehlshabers Ost, wurde die russische Judengesetzgebung ohne weiteres durch die deutsche Behörde beseitigt. In Polen war das infolge des polnischen Widerstandes unmöglich! Europa hat aber kein Interesse daran, ein zweites Rumänien an den Grenzen westlicher Kultur entstehen zu sehen. Und die Polen, die glauben,auf ihre günstige Stellung zwischen den sich bekämpfenden Großmächten pochen zu dürfen, wenn sie für sich selbst immer neue Förderungen erheben, können versichert sein, daß sie sich nicht in der gleichen glücklichen Lage beünclen werden, wenn sie dem Judentum der ganzen zivilisierten Welt den Nachweis dafür erbringen, daß sie