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Neue jüdische Monatshefte · 1917-09-10 · Heft 23-24 (10.9.1917) · p. Seite 662

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 23-24 (10.9.1917)
Article
Polnisches Freiheitspatent - Jüdische Rechtlosigkeit
Date
1917-09-10
Page
Seite 662 (sequence 6)
Language
German
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662 Später ist auch von führenden Persönlichkeiten der aktivistischen Gruppen in Kongreßpolen die Berechtigung der jüdischen Wünsche wiederholt anerkannt worden, und jedem Einsichtigen ist es klar, daß ihre Erfüllung nicht nur im Interesse der Juden, sondern auch dem der Polen selbst Hegt. Wir haben wiederholt gezeigt, daß ein durch innere nationale Zwistigkeiten zerrissenes Polen von vornherein an Lebensschwäche leiden muß. Selbst, wenn es möglich wäre, die heute zwar keineswegs dem Gedanken eines polnischen Staatswesens abgeneigten, der polnischen Kultur aber gänzlich fernstehenden jüdischen Massen zwangsweise in die polnische Kultur hinüberzufütiren, so müßte das Ergebnis ein klägliches sein. Ein kulturelles Parvenutum wäre die Folge, das die polnische Kultur aufs empfindlichste schädigen und den Widerspruch gerade der besten und kulturell höchststellenden Elemente im polnischen Lager zur Folge haben müßte. Wir können nicht begreifen, daß gewisse politische Kreise es für ein Ideal halten, unbegrenzte Mengen kulturell anders Gearteter in das polnische Geistesleben und Schrifttum eindringen zu sehen und daß ihnen in chauvinistischer Kurzsichtigkeit nicht alle die Verwicklungen klar vor Augen treten, die sich aus einem derartigen Hineinzwingen anders Gearteter in fremde Denk- und Empfindungskreise mit Naturnotwendigkeit ergeben müßten. Wenn das Experiment gelingt!! Daran ist aber, wie die Verhältnisse liegen, gar nicht zu denken, und wir können nicht annehmen, daß ernsthafte Politiker an eine wirkliche Polonisierung von 2i/2 Millionen Menschen auch nur im Laufe eines Menschenalters wirklich glauben. Gewiß ist es möglich, daß die polnische Kultur und das unter Zusammenwohnenden bestehende wirtschaftliche Verhältnis allmählich viele Tausende ins polnische Lager hinüberführen und daß diese Kreise dann auch einen wirklich inneren, seelischen Anschluß an die Mehrheit des Landes und seine Kultur finden. Aber die Menge der Juden sitzt heute in eng geballten Massen in den großen und kleinen Städten und Städtchen des Landes zusammen und kann den innerlichen Anschluß an die Mehrheit des Landes schon deshalb nicht finden, weil sie in ihrem Lebenskreise selbst die Mehrheit bildet. Wir halten es für selbstverständlich, daß die Juden die Landessprache erlernen und beherrschen, und bei der Notwendigkeit gegenseitigen Verständnisses wie aus wirtschaftlichen Gründen kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß dieso Wirkung eintreten wird. Eintreten um so schneller, je weniger Zwang man ausübt. Was aber hat diese Selbstverständlichkeit mit einem wirklichen kulturellen Anschluß an die Mehrheit zu tun? Die vielhundertjährige jüdische Tradition und die durch den wilden polnischen Antisemitismus hervorgerufene Entfremdung stehen einem innerlich-kulturellen Anschluß vorläufig entgegen. Und so ist auf einen wirklichen Erfolg derer nicht zu rechnen, die in kurzsichtigem Verkennen der Verhältnisse glauben, aus den 2y2 Millionen Juden im Handumdrehen waschechte Polen formen zu können. Nach alledem ist also der Verdacht nicht ohne weiteres yon der Hand zu weisen, daß es den Polen gar nicht darauf ankommt, die Juden

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