Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Polnisches Freiheitspatent - Jüdische Rechtlosigkeit
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 661 (sequence 5)
- Language
- German
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661 Parteien konnten sich auf ein gemeinschaftliches Vorgehen einigen, und im schwersten Augenblick unternahmen es die Orthodoxen unter der Führung deutscher Rabbiner, die nationalistischen Gruppen öffentlich in der schärfsten Weise zr befehden. Nicht zum mindesten der Tätigkeit dieser aus Deutschland entsandten „Führer" ist die innere Zerrissenheit der ihres Judentums bemißten Mehrheit zuzuschreiben. Das Wirken dieser beiden Männer und ihrer Gefolgschaft gehört der Geschichte an und wird von ihr dereinst entsprechend gewürdigt werden. Tatsache ist, daß der Okkupationsmacht bei diesen Verhältnissen innerhalb des polnischen Judentums selbst eine Stütze für eine etwa noch mögliche energische Politik im Sinne der Erhaltung jüdischer Eigenart und Kultur gefehlt hat. Hütte in all diesen Monaten das polnische Judentum klar und laut seine Stimme erhoben und die Berücksichtigung bestimmter Forderungen verlangt, hätte wenigstens eine deutlich erkennbare starke Mehrheit des polnischen Judentums bestimmte Wünsche gegenüber der Okkupationsverwaltung geäußert, so wäre man wohl schwerlich darüber zur Tagesordnung übergegangen. Aber der kleinliche Hader von Parteien und Personen war nicht zu ersticken und die Kirchturmspolitiker und Fanatiker haben mit dazu beigetragen, der armen, politisch völlig unerfahrenen und ungeschulten Masse von neuem ihr Schicksal zu erschweren und ihr vielleicht eine bittere Zukunft zu bereiten. Wenn das polnische Judentum nicht aus dem Ernst dieser Tage lernt und sich über all dem kleinen, das es heilte' trennt, zu einer Betonung seiner großen und ernsten Forderungen zusammenschließt, wird auch in Zukunft alle Arbeit Wohlmeinender vergeblich sein. Denn schließlich kann dm letzten nur jedes Volk sich selbst helfen, und alle Arbeit , Dritter muß auch weiterhin vergeblich sein, wenn der gemeinsame Gegner eine Schlachtreihe vorfindet, deren Kämpfer die Waffen gegeneinander kehren. 2. Bereits im Herbst des Jahres 1914 ist von führender polnischer Seite erklärt worden, man werde den Juden des zukünftigen polnischen Staates in jeder Weise entgegenkommen, insbesondere ihre sprachlichen und kulturellen Wünsche berücksichtigen und ihnen die volle Möglichkeit der Bewahrung und Entwicklung ihres Sprachtums und ihrer Sonderkultur bieten. Bei den folgenden Beratungen wurde seitens der führenden Persönlichkeiten des Polenk 1 u b s und des Obersten Polnischen National- Ivomitecs immer wieder betontjdaßman mit den Wirkungen der in G al i z i e n betriebenen z w a n s w e i s e n Assimilationspolitik keine günstigen Erfahrungen gemacht habe und daß man für den Fall einer Vereinigung Galiziensmit Polen eine.völlig ©Änderung dos Systems anstrebe. Wir wissen nicht, wie sich die politische Zukunft Galiziens gestalten wird, werden aber nicht verfehlen, wenn sich die Zukunft entsprechend gestaltet, auf diese Versprechungen in der Öffentlichkeit zurückzukommen, falls man sie nicht einlöst.