Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Polnisches Freiheitspatent - Jüdische Rechtlosigkeit
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 660 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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660 der deutschen Verwaltung in der jüdischen Frage gegenüber den Polen geschwächt und mit dazu beigetragen, sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen. So hat die deutsche Verwaltung sich einem immer wachsenden Widerstand der Polen gegenübergesohen, die immer nachdrücklicher jedes auf den Schutz der jüdischen Bevölkerung gerichtete Streben bekämpften. Sie waren dabei in der angenehmen Lage, auf die Verschiedenartigkeit der Maßnahmen seitens der beiden Generalgouverneure hinweisen zu können, und es ist schließlich beklagenswert, aber begreiflich, wie die deutsche Verwaltung in einer Frage nachgab, deren Verständnis trotz aller Aufklärungsarbeit heute immer noch mangelhaft ist, und deren Wichtigkeit im Verhältnis zu den angestrebten größeren Zielen von sekundärer Bedeutung erschien. Nachdem einmal die ganze Richtung der Politik etwa um die Wende des Jahres 1917 einseitig polnisch orientiert worden war, mußte mit diesem Ergebnis gerechnet werden. Wir begrüßen es, daß die deutsche Verwaltung und ihr allzu oft nachgiebiges jüdisches Dezernat wenigstens insofern festgeblieben sind, als sie eine vielleicht zu erzielende ganz unzulängliche Konzession in Nebensachen außer acht gelassen und so einen Standpunkt geschaffen haben, der die Lage nicht noch verschlechtert. So ist keine endgültige Regelung geschaffen, und den neuen polnischen Machthabern bleibt die Verantwortung für die Zukunft. Um der historischen Gerechtigkeit wregen und weil eine Besserung nur zu erwarten ist, wenn man die Tatsachen objektiv feststellt und .die Betrogenen zum Nachdenken anregt, wollen wir auch die Haltung der jüdischen Parteien in Polen während dieser Zeit nicht außer acht lassen. Es ist begreiflich, daß die polnischen Juden, seit Jahrhunderten bedrückt und wirtschaftlich zerrieben, nur ein mangelhaftes Verständnis ihrer Lage und der politischen Notwendigkeiten aufgebracht haben. Aber Tatsache ist, daß an dem bedauerlichen Ergebnis, vor dem wir heute stehen — hoffentlich nicht dauernd stehen werden —, die Juden Polens und auch deutsche Juden nicht ganz unschuldig sind. Assimilanten, Zionisten, Volkspartei und Orthodoxe, diese vier großen Gruppen des polnischen Judentums haben selbst im Augenblick, da die Erkämpfung ihrer wichtigsten Grundrechte in Frage stand, eine Einigung zu wenigstens zeitweise gemeinsamem Vorgehen untereinander nicht herzustellen vermocht. Wenn es schon begreiflich ist, daß die kleine Schar völlig entjudeter Assimilanten dio Gesamtheit im Stiche ließ und mit fliegenden Fahnen in das polnische Lager überging, so hätten doch wenigstens alle auf dem Boden positiven jüdischen Volkstums stehendon Gruppen sich auf ein Mindestprogramm einigen müssen. Das wäre um so mehr ihre selbstverständliche Pflicht gewesen, als ihnen fast täglich das Bedrängte ihrer Gegenwart und die in der Zukunft schlummernde Gefahr durch die polnische Presse aufs drastischste vor Augen geführt wurde. Jeder unserer Leser kennt dio von den Polen während dieses Jahres befolgte Politik der Nadelstiche gegen die jüdische Bevölkerung und dio entwürdigenden Maßnahmen, welche die Verwaltung, selbst der Landeshauptstadt, zu beschließen für gut befunden hat. Aber nicht einmal die beiden nationalen jüdischen