Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Polnisches Freiheitspatent - Jüdische Rechtlosigkeit
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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658 die gleichen Grundsätze in der Behandlung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Aber die Notwendigkeiten des Systemwechsels müssen wenigstens klar vor den Augen der Zeitgenossen liegen, und es wäre gut gewesen, der kämpfenden und entbehrenden Bevölkerung des Heimatlandes bei der endgültigen Festlegung der Verhältnisse das Mitberatungsrecht nicht gänzlich zu entziehen, wenn schon das Mitbestimmungsrecht nicht zugestanden werden konnte oder sollte. Heute steht das deutsche Volk in einer der wichtigsten Fragen seiner Zu-" kunft vor vollendeten Tatsachen, und Erklärungen der Inspiratoren dieser Politik, daß sie die Verantwortung, zu tragen bereit seien, sind ziemlich wertlos. Denn die geschichtliche Verantwortung fällt der Gesamtheit zu. Sie muß büßen und leiden für die Fehler, die der einzelne begeht, gleichviel ob er sich vonhohen ethischen; Ideen .oder von reinen Nützlichkeitsenvägungen verführen ließ. Bis zum Ende des Jahres 1916 ist Polen schlechthin als ein erobertes Land behandelt worden. Eine Selbstverwaltung wurde nicht zugestanden, und wo man Polen oder Juden heranzog, geschah das in völliger Abhängigkeit von deutschen Behörden. Am 5. November v. J. erfolgte die bekannte Proklamation der Zentralmächte, die ein selbständiges Polen in Aussicht stellte. Jedermann weiß, welche Gründe damals maßgebend waren und daß die bekannten Voraussetzungen sich nicht erfüllt haben. In diesen Blättern ist damals das Geschenk der Freiheit an die Polen als ein Akt der Wiedergutmachung und der geschichtlichen Gerechtigkeit warm begrüßt worden, als ein Sieg des nationalen Gedankens. Wir freuten uns der Anerkennung des Rechtes eines jeden Volkes auf eigene politische Selbstbestimmung, in der Hoffnung, „daß die Leiter des neuen Staates, erfüllt von dem Gedanken wahren Liberalismus und wahrer Achtung vor der Eigenart und Kultur auch der Minoritäten" sich erzeigen würden. Freilich waren schon damals viele enttäuscht und besorgt. Die Proklamation erfüllte ein Versprechen, das die kommandierenden Generale den Polen beim Einmarsch der verbündeten Heere gegeben hatten. Der jüdischen Bevölkerung aber wurde nicht gedacht. Und doch war auch an sie ein Aufruf ergangen, in dem es heißt: „Unsere Fahnen bringen Euch Recht und Freiheit, gleiches Bürgerrecht, Freiheit für den Glauben, Freiheit zu arbeiten in allen Zweigen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in Eurem Geist/' Wir zweifelten nicht, daß die verbündeten Regierungen, eingedenk dieser Worte, sieh bemühen würden, den ja ebenfalls durch unsere Waffen befreiten Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen; aber wir vermißten die Sicherungen. Bei den bedauerlichen, seit langem gespannten Beziehungen zwischen Polen und Juden war die Befürchtung nicht zu bannen, daß die zur Herrschaft gelangten Polen den jüdischen Rechten die Anerkennung versagen würden. Die große Mehrheit der an der Ostjudenfrage interessierten Juden Deutschlands, auch die große Mehrheit derer, die sich in Deutschland lediglich als. Angehörige des deutschen Volkes fühlen und für sich die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Nationalität entschieden ablehnen,