Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 654 (sequence 3)
- Language
- German
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654 Auf diesen schwersten Anfall, den uns eine vermeintliche Wissenschaft in diesem ganzen Zeitalter des Antisemitismus gebracht hat, hat B. Kellermann geantwortet1). Und diese Antwort ist erfolgt aus der ganzen Tiefe und Klarheit philosophischer Methodik, umfassender Beherrschung des bibelwissenschaftlichen Materials, und in einer lichtvollen Disposition der einschlägigen Fragen, welche diese Schrift mit ihrer Mustersammlung auserlesener und ausgedehnter Bibelstellen in bester Übersetzung geradezu zu einer Fundgrube nicht allein für den Religionsunterricht macht, sondern darüber hinaus für' das moderne religiöse Denken überhaupt. Wenn man bedenkt, wie der wahrhaft religiöse Jude heutzutage bekämpft und angewidert wird von dem Phrasengetümmel der politischen Schlagworte, dem Rassenstolz und dem ohnmächtigen aber konfliktsschweren Verlangen nach einem jüdischen Nationalstaate. . . . „Ich will einen König über mich setzen, wie die Völker rings um uns her" —, wenn man es erleben muß, wie die Notlagen unserer Tage, die doch wahrlich nicht schlimmer sind als die unserer gesamten Geschichte, allein und vorwiegend das jüdische Problem bilden sollen, wie dagegen die Einsicht zurückgedrängt wird, daß Gottesfurcht aller Weisheit, wahrlich auch dieser politischen, Anfang sei, so daß unsere hauptsächliche Sorge sein und bleiben müßte die um das Schicksal unserer Gotteslehre, um den Sieg unseres reinen Monotheismus, dann empfindet man es als einen wahrhaften Trost und als eine Erlösung aus diesen Tageswirren, daß endlich wieder einmal sich eine Schrift hervorgeragt hat, die in Gradheit und Schlichtheit das Judentum lehrt, ohne Bitterkeit und Kampflust, im vollen klaren Bewußtsein dessen, was allein das Wesen, den historischen Grund und das ewige Recht des Judentums ausmacht. Hier wird es klipp und klar ausgesprochen, daß nur in der logischen Begründung, aber keineswegs in dem Inhalt der sittlichen Lehren ein Unterschied bestehe zwischen der Religion der Propheten und der Ethik Kants. Und diese Überzeugung wird formuliert auf Grund einer philosophischen Einsicht, welche gegenüber den romantischen Verirrungen unserer Tage fest und sicher auf dem wissenschaftlichen Fundamente des Kantischen Systems steht. Während Herr Troeltsch mit einem Bergson liebäugelt, vertritt ,dieser deutsche Rabbiner die Lehre Kants. Und während Troeltsch mit seiner Abart von Soziologie sich in Widerstreit setzt mit der gesamten modernen Bibelforschung, sammelt Kellermann aus diesem Material ein Arsenal von Anführungen, welches die zweckmäßige Grundlage einer Apologetik sein dürfte. Und er versäumt nicht, auf den Zusammenhang hinzuweisen, der zwischen dieser modernen Bibelwissenschaft und der allgemeinen deutschen Geschichtswissenschaft besteht. Für die Soziologie ist in dieser Schrift noch besonders beachtenswert, wie die Erlaubnis zum Zinsgebrauch gegenüber dem Ausländer, l) Der ethische Monotheismus der Propheten und seine soziologische Würdigung. Berlin, Schwetschke und Sohn.