Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 653 (sequence 2)
- Language
- German
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653 In dieser Vorsicht und Umsicht betrieben, hat die Soziologie ihren methodischen Wert und ihre heilsame Fruchtbarkeit. Sie ist, oft zwar unbewußt, von der Einsicht durchdrungen, daß die Wirtschaft selbst ein Produkt der geistigen Ideen sein möchte. Der gesteigerte Materialismus ist es nun aber, wenn der Versuch gemacht wird, die sittlichen Ideen der Religion, diese zarteste Blüte alles Geistigen, eines eigenen Mutterbodens zu berauben, und sie lediglich als Schößlinge der wirtschaftlichen Urkraft zu entlarven. Bei dem inneren Zusammenhang von Sittlichkeit und Religion, wird dadurch die Religion überhaupt zu einer Nebenfrucht der Wirtschaft, und der Gedanke der Gottheit ist alsdann freilich nicht mehr Priesterbetrug, aber die Vogelscheuche der alle Kultur erzeugenden Ackerwirtschaft. Während es ein Ruhm der protestantischen Kathedertheologie ist, daß sie in ihrer Bibelforschung im Prophetismus den gewaltigen Eigenwert sittlicher Urgedanken enthüllt hat, in denen eine schöpferische Geisteskraft sich bewährt habe, sind wir neuerdings durch jenen verkehrten Materialismus überrascht worden, der sich mit Unrecht auf die Soziologie beruft. E. Troeltscli hat sich mit seiner Deutung des Prophetismus der ganzen bisherigen Bibelforschung entgegengestellt, indem er in der philosophischen Zeitschrift „Logos" die ethische Bedeutung des Monotheismus bestreitet, die Ethik der Propheten zu einer Bauernmoral herabwürdigt, und demgemäß auch den Universalismus der Gotteslehre auf den Partikularismus eines Stammesgottes zurückpreßt. Damit wird das Judentum als Religion vernichtet. Denn unter Religion versteht man hoffentlich das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, und nicht ausschließlich zwischen Gott und einem einzelnen Volke. Israel wird im Prophetismus zum „Knechte des Ewigen44. Als Knecht Gottes wird es der Diener der Menschheit. So verstehen wir: Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig. Israel sollte es verstehen lernen, daß sein Gott, als der Einzige, der Gott aller Menschen sei. Unser Gott ist nicht unser Gott, sondern, als der einzige Gott, ist er der Gott aller Menschen und aller Völker. Wenn dagegen der Gott Israels nur der jüdische Nationalgott wäre, dann wäre das Judentum keine Religion. So vernichtend ist dieser neueste Angriff, der sich das Ansehen einer ganz modernen Sachlichkeit, und Allseitigkeit der Auffassung gibt. Der politische Vorzug der Propheten wird ihnen hier zum Fallstrick gedreht, daß sie, täten sie dies nicht, als echte Ethiker die sozialen Probleme und Konflikte zur Unterlage machten für die Gedanken ihrer religiösen Sittlichkeit. Daß sie das Menschliche an dieser irdischen Weltwurzel erfaßten, um es von ihr aus mit dem Göttlichen zu verknüpfen, diese Echtheit ihrer ethischen Religion wird umgedeutet in eine primitive Unreife und befangene Einseitigkeit. Die Bauernmoral wird nicht anerkannt als natürliche Grundlage der Sozialethik, und der einzige Gott soll nur der Gott dieses Bauernvolkes sein. Der Begriff des Einzigen wird verwechselt mit dem des Einzelnen. Und der Universalismus sei nur die Aufblähung dieses Einzelstammes, mit dem sein Gott unlöslich verbunden sei, so daß er gar nicht der einzige Gott der Menschheit s-jin könne.