Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Zurück zur Scholle
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 650 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908712-2910100--1041-2910135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
650 bar zum Nutzen des Ganzen, als die zum „Verwaltungskörper" erstarrte Großgemeinde, Das alles darf nicht, wie es in derartigen Fällen gerade bei uns so oft geschieht, zu dem Fehler verleiten, blind auf einen Scheinerfolg hinzuarbeiten. Strengste Sachlichkeit ist gerade hier die Vorbedingung jedes Gelingens, Die.Ausschaltung jedes Dilettantismus, der,dort sehr, schnell bei der Hand ist, wo eine Aufgabe auch nur im entferntesten philantropischen Charakter anzunehmen scheint, ist unbedingt geboten. Es ist schon mit dem gebührenden Nachdruck betont worden, daß die landwirtschaftlichen Berufsarten für die deutschen Juden in der überwiegenden Mehrheit Neuland bedeuten. Das verlangt, in der Wahl der Pioniere für die neue Idee vorsichtig zu sein. Am aussichtsreichsten wird daher das Experiment bei denen sein, die entweder schon jetzt in einer produktiven Beziehung zum Boden oder überhaupt noch vor jeder unmittelbaren Berufswahl stehen und Zeit genug besitzen, Körper und Geist auf ihre Veranlagung für den Beruf des Bauern oder Gärtners zu prüfen. Es ergeben sich da zwei praktische Aufgaben, die als die nächstliegenden bezeichnet werden können: 1. Die heute noch auf dem Lande und in Kleinstädten wohnenden Juden sind möglichst bodensässig zu machen, der Grunderwerb solcher Familien zu landwirtschaftlichen Zwecken ist nach Möglichkeit zu fördern, 2. Jüdische junge Leute beiderlei Geschlechts, die ihren körperlichen und geistigen Anlagen nach eine Eignung zu einem Zweige der Bodenkultur versprechen, sind recht frühzeitig in Anstalten zu erziehen, die ihnen neben einer guten Allgemeinbildung von vornherein den nötigen fachlichen Unterricht mit gleichzeitiger Gelegenheit zu praktischer Arbeit bieten. Für die Lösung beider Aufgaben sind Absätze bereits vorhanden. "Was die Stärkung der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande durch Bodenerwerb anbelangt, so ist nach dieser Richtung hin unter der Führung von Herrn Rabbiner Jaulus, Aachen, ein Schritt unternommen worden, der sehr vielversprechend erscheint, weil er auf dem gesunden Prinzip der Selbsthilfe beruht. Es ist dort ein „Komitee zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden des Regierungsbezirks Aachen'1 gegründet worden, dem fast sämtliche im Bezirk ansässige jüdischen Viehhändler angehören. Das Komitee hat sich dafür entschieden, seinen Mitgliedern die Aufnahme der Landwirtschaft, vor allem der Weidewirtschaft dringend zu empfehlen. Ferner hat das Komitee e& als seine Aufgabe erkannt, für den Ankauf oder die Pacht von kleinen Wiesengütern zu sorgen, die der Familie je eines Viehhändlers auch im Winter Gelegenheit zut Milchwirtschaft geben. Eine erste Liste hat bereits 14 Reflektanten auf. den Erwerb derartiger Güter unter finanzieller Beihilfe des Komitees ergeben, sicher ein Beweis für die Werbekraft des Gedankens. Bedenkt man, daß es in Deutschland ca. 25 000 jüdische Viehhändler gibt, — die meisten in West- und Süddeutschland —, so muß man zugeben, daß es. für die Bodenständigkeit der Juden einen vor-